Das
SS-Grab auf dem evangelischen Kirchhof in Offenhausen Mittelfranken
Eine
schöne Landschaft in der Hersbrucker Schweiz – Hügel, Wälder,
kleinräumige Landwirtschaft, hingewürfelte Ortschaften, mäanderte
Bäche. Fast könnte man vergessen, dass in dieser Idylle vor 80 Jahren das NS-Regime hier in einem Außenlager des KZ Flossenbürg
Häftlinge, ohne Rücksicht auf Verluste, dazu benutzt hat, in einem
Berg riesige Tunnels zu graben und auszubetonieren. Hier sollte 1944
/ 45 als logistische Einheit eine unterirdische, bombensichere Fabrik
für BMW-Flugzeugmotoren entstehen: Das Doggerwerk.
Fast
könnte man es vergessen, denn die Mahnmale bei Förrenbach und
Schupf für die meist an ansteckenden Krankheiten und Entkräftung
verstorbenen Häftlinge liegen recht versteckt. Außerdem sind diese
Gedenkstellen nicht mit Namen der Umgekommenen versehen.
Schreckliche
Szenen muss es noch bei den sogenannten Todesmärschen Richtung
Dachau im April 45 gegeben haben. Erst in den 80-er Jahren
beschäftigte man sich mit der Vergangenheit und auch in Hersbruck
wurde wenigstens ein Gedenkmal aufgestellt.
Ein kleiner Verein
kümmert sich seitdem darum, dass die Erinnerung bleibt. Am Volkstrauertag lassen sich auch offizielle Vertreter der Parteien
sehen, um Kränze niederzulegen. Ansonsten setzt sich das Moos fest.
Und die Leute, welche den Marsch der Gefangenen vom Lager
Hersbruck zur 5 km entfernten Baustelle mitbekommen haben müssen,
werden meist schon verstorben sein.
Erst jetzt hat die Stiftung
bayerischer Gedenkstätten bei Happurg und Hersbruck kleine
Dokumentationsstätten eingerichtet.
Doch
es gab noch ein anderes Gedenken:
Auf dem evangelischen Kirchhof der
Gemeinde Offenhausen habe ich 2008 zufällig ein liebevoll gepflegtes
Grab entdeckt, das mir sofort ins Auge fiel. Auf den ersten Blick
meint man eine Fata Morgana aus dem Feldzug Richtung russische Taiga
wahrzunehmen. Es könnte das Titelbild eines kriegsverherrlichenden
Landserheftes sein:
Ein
Birkenkreuz mit drei Stahlhelmen bewehrt, dazu ein kupfernes
„Eisernes Kreuz“ mit der Inschrift „ Sie starben für
Deutschland“ montiert. Nichts vermodert, kein Rost, gut
verschraubt.
Davor ein großer liegender Stein mit einer Dichtung:
In
Deutschlands blutig düstrer Nacht
gefangen
nach verlorener Schlacht
da
warfen euch der Waffen bar
auf
den entheiligten Altar
verbrecherisch
die Feinde nieder.
Wenn
unser Herr beim Weltgericht
dereinst
die feigen Mörder straft
dann
leuchtet euch schon ewiges Licht
denn
es ist süß und ehrenhaft
fürs
Vaterland zu sterben.
Dann
die Namen und Dienstbezeichnungen der Toten:
Drei
junge SS-Männer, noch nicht 20 Jahre alt. Dienstbezeichnungen, die
auf eine militärische Ausbildung hinwiesen.
Und
nun noch das Todes-Datum: 21.4.1945 , also nach dem letzten Geburtstag von Hitler und kurz vor dem offiziellen
Kriegsende.
Ich wurde neugierig ! Ermordet
? Exekutiert ? Hingerichtet ? Auf der Flucht erschossen ? Im Hass
erschlagen ? In der Kirche etwa, auf dem Friedhof oder anderswo in
der Nähe ?
Wo
kamen diese SS Leute überhaupt her, was war ihr Auftrag ? Neben dem
Grab sind auf einer Tafel in einer Gedenknische die Gefallenen der 2
Weltkriege aufgelistet. Dort sind sie nicht dabei.
Gehörten
diese 3 jungen Männer zu den Wachmannschaften des KZ Außenlagers
Hersbruck oder zum Doggerwerk bei Happurg ? Waren Sie auf der Flucht
oder hatten sie den Auftrag , den Volkssturm auf dem Lande zu
mobilisieren ? Sollten sie heroisch die einmarschierenden
amerikanischen Truppen aufhalten ?
Wer
waren diese jungen Erwachsenen? Verblendete und dumme Jungs, die
glaubten sie könnten das Nazireich noch retten ? Überzeugte
Anhänger der rassistisch-völkischen Ideologie ? Wie kamen sie zur
SS ? Was hatten sie dort vollbracht ? Wie süß und ehrenvoll sahen
sie es an , fürs Vaterland zu sterben ?
Wer
hat dieses Grab eingerichtet ? Wer pflegt es heute noch ? Warum ist
es möglich, dass neben den im Hersbrucker Land verteilten Stätten
des Gedenkens an die Opfer dieser unseligen Zeit so ein Heroengrab
ohne Erklärung bestehen kann?
In
der Chronik von Offenhausen (Mittelfranken) fand ich dann folgenden
Hinweis: „In
Offenhausen war nur eine Patrouille der Amerikaner zurückgeblieben.
Als am 18. April die Gefahr offenbar gebannt war, kam die
Panzereinheit zurück und besetzte das Dorf. Zur Einquartierung der
Soldaten mussten viele Häuser (vom unteren Dorf aus gesehen die
rechten Anlieger der Hauptstraße sowie im oberen Dorf auch links bis
einschließlich der Haus-Nr. 32) für drei Tage geräumt werden. Dies
gestaltete sich um so schwieriger, weil sich sehr viele Fremde aus
Nürnberg und anderen Städten, die zu Hause „ausgebombt“ worden
waren, in Offenhausen aufhielten. Nur zur Versorgung des Viehs
durften die Eigentümer ihre Anwesen betreten. Außerdem galt eine
Ausgangssperre von 19.00 bis 6.00 Uhr.
Im
Schulhaus wurden einige deutsche Soldaten arretiert, die sich den
amerikanischen Truppen ergeben hatten. Unter ihnen befanden sich drei
Angehörige der Waffen-SS. Am 21. April wurden die drei Männer von
ihren Mitgefangenen getrennt, in den Wald gefahren und kurzerhand
erschossen. Die Umstände dieser Tat, vielleicht ein Racheakt, werden
nicht mehr zu klären sein - vertrauenswürdige Quellen existieren
nicht. Die Drei erhielten ein Begräbnis auf dem Offenhausener
Kirchhof, das mit einem Birkenkreuz und drei Stahlhelme geschmückt
wurde..."
Ich
schrieb daraufhin den Verfasser der Chronik – Herrn Giersch aus
Kucha - an und erhielt folgende interessante Antwort:
Sehr
geehrter Herr ........,
freut mich, dass da endlich jemand
Näheres wissen möchte. Als ich seinerzeit recherchierte, stieß ich
auf wenig Quellen und viel Schweigen. Einige ältere Offenhausener
konnten sich nur erinnern, dass die Drei sich unvorsichtig geäußert
hätten, als sie mit anderen Gefangenen von den Amerikanern im
Schulhaus inhaftiert worden waren.
Der Atem stockte mir erst, als
ich in einer Materialsammlung, die um 2003 eine ABM-Kraft der
Gemeinde angelegt hatte: Dort fand ich nämlich ein Pamphlet, das
eine Verbindung zur berüchtigten Dichterstein-Bewegung nahe legt,
die sich seit vielen Jahren gelegentlich in Offenhausen
/Oberösterreich trifft: eine unverblümt faschistische Gruppierung.
Ein bekannter österreichischer Altnazi (Name fällt mir jetzt
partout nicht mehr ein) beklagt hier den Mord an den "deutschen
Helden", ein Autor, der mehrfach mit dem Staatsanwalt zu tun
hatte und Anfang der 1990-er Jahre nur mit seinem Ableben einer
Verurteilung entging. Der Tenor dieser Schrift ist der gleiche wie
auf der Tafel im Offenhausener Kirchhof. Welche Verbindung hatte
dieser Nazi zur Region, zu Offenhausen Mfr.?
Nähere
Hinweise zumindest auf die Ereignisse 1945 fand ich erst, als die
ersten Bücher verkauft waren. Erst ein Engelthaler, der das Buch
gekauft hatte, teilte mir mit, dass die Drei aus einer SS-Einheit
stammten, die von den Amerikanern schon intensiv wegen eines
grauenhaften Massakers an evakuierten KZ-Insassen und/oder
Kriegsgefangenen gesucht wurde.
Als sie kurz vor ihrer Verhaftung
über Nacht bei Engelthalern untergeschlupft waren, brüsteten sie
sich dort stolz mit ihren Untaten. Derartig unvorsichtig äußerten
sie sich offenbar nach ihrer Arretierung im Offenhausener Schulhaus,
sodass die sensibilisierten Amerikaner auf sie aufmerksam wurden, sie
aus dem Kreis der übrigen Inhaftierten, denen ja nichts geschah,
isolierten und kurzen Prozess machten.
Es ärgert mich nun
überaus, dass diese Information erst nach Veröffentlichung der
Chronik einging. Schriftquellen über dieses Ereignis finden sich
natürlich nicht.
Daraufhin
schrieb ich an das evangelische Pfarramt in Offenhausen, um eine
Stellungnahme zu erreichen:
Der
zuständige Pfarrer Polster wollte keine Auskunft geben, wer das
Grab eingerichtet hat und wie die Art der Darstellung auf einem
evangelischen Friedhof in Anbetracht der Ereignisse 45 zu
rechtfertigen ist.
Seine
sehr knappe Erwiderung: Gesicherte Erkenntnisse liegen u.W. nicht
vor. Deshalb kann auch nichts Genaues zum Sachverhalt mitgeteilt
werden. Persönliche Ansichten können divergieren.
Herr
Schmid von der Soldaten- und Kriegerkameradschaft Offenhausen und
Umgebung, der auch angeschrieben wurde, antwortete nicht. Pfarrer
Polster teilte im obigen kurzen Schreiben auch mit, dass er sich auch
im Namen dieses Vereins äußert.
Ich
biss also auf Granit und sah dann auch von einer Veröffentlichung
ab, da ich vermeiden wollte, dass dieses Grab zu einer Pilgerstätte
von Neo-Nazis wird, die ja sehr gerne Kriegsverbrechen der Alliierten
benutzen um Verbrechen der Nazis gegen zurechnen. Außerdem musste
ich mich um die stark pflegebedürftige Mutter kümmern.
Selten
noch kam ich mit Freunden bei dieser Grabstätte vorbei und hab mit
Ihnen über die Ereignisse im April 45 gesprochen. 2013 schließlich
waren Renovierungsarbeiten für die Nische mit den Namen der
Kriegsopfer von Offenhausen und Umgebung in Gange. Das SS-Grab
daneben sah so aus als würde es aufgelöst werden: Kein
Birkenkreuz mehr und der Stein lag etwas abseits wie zum Abtransport
bereit gestellt – leider hab ich es nicht fotografiert ...
Doch
im Frühjahr 2014 ergriff mich Empörung: Die
Gedenkstätte für die Gefallenen war renoviert – und siehe da auch
das SS-Grab war wieder hergerichtet , mit kleinen Änderungen. Das
Birkenkreuz zierten jetzt wieder drei Helme – aus Plastik, aber
im Wehrmachtsgrau besprüht. Das kupferne „Eiserne Kreuz“ mit der
Aufschrift „Sie starben für Deutschland“ war weg. Dafür war der
liegende Stein mit den aufmontierten Inschriften größer und neu.
Nun
unternahm ich einen neuen Rechercheanlauf mit Briefen in denen ich
den
Anlass und die Verursacher der Renovierung erfahren wollte.
Die
evangelische Gemeinde und das Dekanat antworteten erst mal nicht.
Der
Soldatenverein schwieg weiterhin.
Ich
schrieb Herrn Landtagsabgeordneten Freller, auch Vorsitzender der
Stiftung Bayerischer Gedenkstätten, und wies ihn auf den Gegensatz
des Gedenkens KZ Hersbruck versus SS-Grab Offenhausen hin – auch
unter dem Aspekt christlicher Grundsätze. Er baute einen Kontakt zu
Herrn Fritz in München auf, der zuständig für die geplante
Errichtung der Gedenkstätte in Happurg ist.
Herr
Giersch, jetzt auch Kreisheimatpfleger, gab mir schriftlich einen
Tipp wie ich einen Zeitzeugen auftreiben konnte.
Diesen
Mann, Herrn Frauenknecht, suchte ich auf und ließ mir einiges
erzählen. Davon im nächsten Teil ....