Transformation ist
zum Modewort geworden: grün, digital, gesellschaftlich, politisch.
Es klingt nach Aufbruch, nach dem Schmetterling, der der Raupe
entschlüpft. Doch Transformation bedeutet nicht zwangsläufig
Fortschritt – sie kann auch Verlust, Machtverschiebung und
Krisenerfahrung heißen.
Als ich im Internet nach dem
Begriff Transformation mit seinen gesellschaftlichen Auswirkungen suchte, ist mir
ein interessanter Artikel aufgefallen:
Die Große Transformation reloaded? Polanyis Erbe und die Krisen des 21. Jahrhunderts
von
Sebastian Matthes Sozialwissenschaftler (
nicht zu verwechseln mit dem Chefredakteur des Handelsblatts mit gleichem Namen)
Schon der
Wirtschaftshistoriker
Karl Polanyi beschrieb Mitte des 20.
Jahrhunderts die „
Große Transformation“, die mit der
Durchsetzung der kapitalistischen Marktordnung einherging.
Heute
erleben wir erneut einen umfassenden Wandel: die Umwälzungen durch
Digitalisierung und Klimawandel, die Erosion der liberalen
Demokratie und die Dysfunktionalität des Finanzsystems. Transformation meint soweit mehr als
ein „positives“ Bild des Wandels, wie es die Metapher der Raupe
und des Schmetterlings nahelegt. In Anlehnung an die Definition von
Karl-Heinz Hillmann lässt sich Transformation verstehen, als die –
oft mit Konflikten und Krisen verbundene – tiefgreifende Umwandlung
einer Gesellschaft und Kultur in ein neues soziokulturelles
Gesamtsystem. Insofern bedeutet Transformation eine soziokulturelle
Zäsur, die oft eine neue Epoche einläutet.
Karl Polanyi war ein Pionier der interdisziplinären
Wirtschaftswissenschaft. Mit seinem weiten Verständnis von Ökonomie
als der Organisation der Lebensgrundlagen kritisierte er den
illusionären Versuch der Wirtschaftsliberalen, alle Lebensbereiche
zu vermarktlichen. Karl Polanyi wandte sich gegen jede Form von
Dogmatik, allen voran der des wirtschaftsliberalen
Marktfundamentalismus. Wiewohl ein Linker, kombinierte er
progressives und konservatives Denken, um den Wirtschaftsliberalismus
als eine illusionäre und deshalb gefährliche Ideologie zu
entlarven. Polanyi zählt zu den wenigen linken Denkerinnen und
Denkern, die schon früh die Ambivalenzen gesellschaftlichen
Fortschritts erkannten und wussten, wie wichtig »Beheimatung«
(habitation) gerade in Zeiten des Umbruchs ist. Deshalb hilft seine
Analyse, um aktuelle Dynamiken wie die Klimakrise und den Aufstieg
reaktionärer rechter Bewegungen besser zu verstehen.
Politisch ist das 21. Jahrhundert
bisher vor allem durch Instabilität und Machtverschiebungen geprägt.
Die Vereinten Nationen wirken angesichts der globalen Kriege und
Krisen überfordert. Der Handlungsspielraum der Weltorganisation wird
derzeit zudem durch eine tiefe Vertrauenskrise eingeschränkt. Was
wir seit einigen Jahren auf der Ebene der internationalen Beziehungen
erleben, deutet auf die schleichende Ablösung der liberalen
Weltordnung nach 1989 hin (Lucarelli 2022). Die USA, die Supermacht
des 20. Jahrhunderts und Schutzmacht des Westens, haben –
wesentlich durch das unberechenbare Handeln der Trump-Administration
– außenpolitisch das Vertrauen verloren und sind selbst
innenpolitisch instabil geworden. Gleichzeitig steckt das liberale
Demokratiemodell westlicher Prägung in der Krise. Autoritäre Regime
und Weltanschauungen sind auf dem Vormarsch. Neben den äußeren
Herausforderungen durch autoritäre Systeme werden die liberalen
Staaten von innen heraus durch demokratiefeindliche Massenbewegungen
und eine rechtspopulistische Kultur bedroht – angeführt von einem
transnationalen Netzwerk nationalistischer und oligarchischer Kräfte.
Der Kulturkampf der transnationalen Neuen Rechten richtet sich (auch)
gegen das Projekt einer sozial-ökologischen Transformation und den
liberalen Staat als Regulationsinstanz.

Als Fazit schreibt Matthes: Noch ist offen, in welches Wirtschafts-
und Gesellschaftssystem die Transformation mündet. Damit die
aktuellen Transformationsprozesse als sozial-ökologische Wende
gelten können, bedarf es einer Umkehrung der bisherigen
marktwirtschaftlichen Logik, wie sie Polanyi in The Great
Transformation analysierte. Gerade deshalb kommt es darauf an,
Transformation nicht allein den Dynamiken von Märkten und
Machteliten zu überlassen. Ein normativer und praktischer
Fluchtpunkt ist der Ansatz der Just Transition: Er
verbindet ökologische Verantwortung mit sozialer Gerechtigkeit und
fordert politische Gestaltung, die auch Fragen der Teilhabe und
Anerkennung einbezieht. Hierin liegt das Potential die
sozial-ökologischen Krise zu entschärfen. Wenn die „Große
Transformation“ unserer Zeit nicht zu einer autoritären oder rein
marktgetriebenen Entwicklung führen soll, dann muss Just Transition
zum Maßstab werden, an dem sich politische Projekte und
gesellschaftliche Gestaltung messen lassen.
Was ist Just Transition? Unsere Welt muss klimaneutral werden. Das erreichen wir nur, wenn
wir unsere Lebensweise grundlegend verändern und auf
Nachhaltigkeit ausrichten. Die Kosten und der Nutzen dieses
Strukturwandels müssen dabei gerecht verteilt werden. So
ein gerechter Übergang – eine Just Transition – hat das
Ziel, die Lebensbedingungen der Menschen spürbar zu
verbessern und gleichzeitig die Treibhausgasemissionen
drastisch zu senken. Damit dies sozial gerecht gelingt, ist es
wichtig, dass besonders betroffene Gruppen von ihren Potenzialen
profitieren und sich an Entscheidungsprozessen
beteiligen können.
Sehr gut zu obigem Artikel passt ein Radiofeature, das ich letzthin anhörte:
Überreichtum – Wie Vermögensungleichheit Demokratie angreift
ARD Radiofeature · 30.03.2026 · 54 Min.
Vermögen ist in Deutschland extrem ungleich verteilt – mit
Folgen für Politik und Demokratie. Das ARD-Radiofeature geht der
Frage nach, wie Vermögende ganz legal politischen Einfluss ausüben
können. Gleichzeitig fühlen sich viele Menschen im Land nicht mehr
repräsentiert. In Interviews mit Erben, Bürgerinnen und Bürgern,
Unternehmerinnen, Forschenden und Lobbyisten wird nach möglichen
Zusammenhängen von Vermögenskonzentration, Überreichtum und
Demokratiedefiziten gesucht. Kern der Recherche ist die Frage, ob in
der repräsentativen Demokratie der Bundesrepublik Deutschland
wirklich jede Stimme gleich viel wert ist. Ein Feature von Gilda
Sahebi und Kristin Langen, Produktion: SWR-Kultur 2026.