Ja, er scheint noch zu leben: Gary Snyder . Auf ihn bin ich gekommen, durch meine wiederholte Beschäftigung mit dem Buch "Gammler, Zen und hohe Berge" von Kerouac. Momentan lese ich Essays von ihm unter dem Titel "Lektionen der Wildnis" . Interessant.
Bei Deutschlandradio gab es eine Porträtsendung unter dem Titel : Kann Lyrik die Welt retten? Die Sendung kann man nicht mehr abhören, aber das Manuskript kann man sich herunterladen. Hier einige Passagen ...
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| 2014 |
Im ersten Kapitel des Buchs " Lektionen der Wildnis" wird der Versuch unternommen die Bedeutung des Wortes WILD im Englischen zu beschreiben:
Wenn wir uns zum Beispiel die typische
amerikanische Redewendung „wild and free“ ansehen, verbinden das
die meisten Menschen mit spontan, undiszipliniert, frei, vielleicht
sogar undiszipliniert gefährlich. Und es impliziert sexuelle
Promiskuität, Drogen- und Alkoholmissbrauch oder Abneigung und
Rebellion gegen Elternhaus oder die Regierung. Das ist eine Bedeutung
von WILD, die sehr verbreitet ist.
Untersucht man andererseits das Ganze
in Bezug auf die Natur, beschreibt es einfach Organismen, Pflanzen
zum Beispiel, oder Tiere, Schafe, Ziegen, Pferde oder Löwen, die
sich selbst versorgen. Sie sind unabhängig, sie sind tatsächlich
frei, obwohl sie natürlich auch den Gesetzen der Natur unterworfen
sind.
Was für mein Schreiben und Denken
wichtig ist: deutlich zu machen, dass das Wort WILD im tieferen Sinne
eine Art Ordnung, eine Gesetzmäßigkeit in der Natur meint und nicht
eine Form von Verrücktheit oder Verantwortungslosigkeit, als die es
oft gedeutet wird, sondern dass es eigentlich einen Prozess
beschreibt.
Der WILDE Prozess in der Natur ist der
sich entfaltende Prozess von ökologischer Dynamik, von möglicher
biologischer Evolution ohne Fremdeinwirkung. Die unberührte Wildnis
ist ein Ort, wo dieser Ablauf fast vollkommen ungestört vonstatten
geht, und das dominiert die Bedeutung dieses Begriffes.
Das zweitwichtigste Wort in meinem
Buch-Titel hier ist Praxis, die Methode des Wilden. Wie können wir
die Art und Weise verstehen, in der das Phänomen der Wildheit in der menschlichen Kulturgeschichte wirkt und gewirkt hat, in der
hochzivilisierten und der vor-zivilisatorischen Welt, und wie können
wir uns dieses Wissen zunutze machen? Also beschäftige ich mich im
nächsten Schritt mit der Frage: Was ist das Wesen oder die Natur der
Kunst?
Der französische Anthropologe Claude
Levi-Strauss sagte einmal, dass nach seiner Vorstellung die Kunst in
der modernen Welt eine Art kleiner Nationalpark der Wildheit sei,
einer Wildheit des Geistes, aber in einem sehr positiven Sinne. Die
Wildheit der Phantasie ist ein sehr interessantes Konzept, und meiner
Ansicht nach ist auch die Sprache im Grunde genommen ein wildes
Phänomen, ebenso wie das menschliche Bewusstsein ein wildes Phänomen
ist, das sich jeder staatlichen Kontrolle entzieht. Den Geist kann
man nicht kontrollieren. Unser Geist ist wild, er bestimmt über sich
selbst und entscheidet, wohin er geht und wir müssen lernen, wie wir
ihm folgen können.
Dann erzählt er in dem Porträt recht ausführlich von seinem Werdegang: Die Zeit der wirtschaftlichen Depression in den 30er Jahren, das einfache Leben auf einer kleinen Farm in Kalifornien, die gute Highschool Ausbildung, das Bergsteigen seit dem 15.Lebensjahr, die Kurse in Chinesisch und Japanisch in Berkeley, das Kennenlernen der
Beatnicks, der Aufenthalt in Japan auch als Mönch . Von seinen Erfahrungen teilt er mit:
Meditation ist kein Mysterium, es ist
etwas, das jeder kennt und jeder tut, in ihrer einfachsten Form
bedeutet es, sich auf seinen eigenen Geist zu konzentrieren und - zumindest zeitweise - keine Musik zu hören, mit niemandem zu reden,
nichts zu lesen, sondern nachzudenken, zu reflektieren, bei seinem
eigenen Bewusstsein zu sein, in Gesellschaft seiner Gedanken, das
wäre also Reflektion und Einkehr. Und wenn man dann einen Schritt
weitergeht...... Ein Buddhist, für den Meditation ein wesentliches
Element ist, würde sagen, Meditation heißt, sich nicht von seinem
Verstand leiten zu lassen. Beobachte dein Bewusstsein, deine Ideen,
Gefühle, Impulse, wie sie aufsteigen und verschwinden, erst
erscheinen und sich dann verlieren.
Halte sie nicht fest! Fühle etwas
aufkommen und sage: Oh ja, das hat mich geärgert, aber lass dich
nicht darauf ein, sondern lass los, sage, okay, das hätte ich nicht
tun sollen, das habe ich vermasselt, aber vergebe dir und gehe weiter
und im Idealfall erreichst du den Punkt, wo dein Geist sich dann frei
bewegen kann, sich selbst überlassen ist. Aber schlafe nicht ein
dabei oder verliere dich in Phantasien. All das wird passieren, wenn
du meditierst, aber durch die Meditation lernst du all die Fluchtwege
deines Geistes kennen und du verstehst und lernst zu schätzen, was
Bewusstsein bedeutet.
Und das ist natürlich interessant: Was
ist es, dass wir am meisten schätzen im Leben? Am Leben zu sein. Und
was bedeutet es uns, am Leben zu sein? Es bedeutet zu spüren, dass
du du selbst bist und dass du Entscheidungen triffst, dass du deine
Welt kennst und all dieses Wissen in dir hast und das ist was ganz
Besonderes und du bist du und das ist es, was das Leben ausmacht.
Also meditiere darüber, wenn dich dein Leben interessiert, schenke
deinem Leben ein wenig Aufmerksamkeit: Was fühlst du, was denkst du
wirklich? Was treibt dich um und wovon bist du frei?
Was Menschen durch Meditation gewinnen
können, ist, den Fluss zu verstehen, die Wandlung von Gedanken,
Gefühlen, ein wenig davon losgelöst sein zu können und auch nicht
zu sehr zu werten. Seine eigene Geschichte nicht zu sehr zu
beurteilen. Im Buddhismus heißt es: Wenn du erkannt hast, dass du
einen schrecklichen Fehler gemacht hast, erkenne das eben einfach und
mache weiter. Aber wiederhole den Fehler nicht! (lacht)...
Er hat sich auch sehr mit Sprache beschäftigt und gibt einige Beispiele ...Und wieder geht es auch um das WILDE:
Der wilde Bereich des Geistes ist eine
andere Bezeichnung für die Weite und Tiefe des Territoriums, in dem
sich das Bewusstsein bewegt, und der enge Bereich des Geistes
entspricht dem Teil, den wir zu disziplinieren versuchen, zu
kontrollieren und zu trainieren. So wie wir in der Landwirtschaft den
Boden kultivieren, ihn dazu bringen, anstelle von verschiedenen
wilden Pflanzen Erbsen und Mais und Kohl wachsen zu lassen, so
trainieren wir unseren Geist, indem wir ihn disziplinieren oder
kultivieren, die Sprache der Wissenschaft, der Buchhaltung, des
Gesetzes oder der Medizin zu erlernen. Der wilde Bereich des Geistes
geht in seiner Komplexität natürlich weit darüber hinaus.
Um wirklich frei sein zu können,
braucht man gute Manieren. Damit meine ich nicht die Etiquette,
sondern eine andere Form von Respekt und Erkenntlichkeit dem
Universum gegenüber. Ein Gefühl von Dankbarkeit für all die Dinge,
die möglich sind in dieser merkwürdigen Welt, in der wir leben, in
der wir gedeihen, bis wir sterben, was wir auch genießen und
respektieren sollten. Und es es wäre gut, wenn wir dieses Universum
mit dem gebührenden Respekt gegenüber allen Wesen und Phänomenen,
die ihm innewohnen, durchschreiten, mit Dankbarkeit und Humor und
Anerkennung. Das ist angemessen.
Das Porträt beim Deutschlandfunk dieses weisen Mannes ist noch viel umfangreicher und kann hier nur im Auszug widergegeben werden. Er hat auf seine Art überlebt weil er am Rand der Wälder seit längerer Zeit mit anderen in einer Gemeinschaft lebt. Das hat er z.B. in einem Gedicht aufgeschrieben (hier in der Übersetzung). Es wird auch auf den
3.Golfkrieg der Amerikaner 2003 verwiesen.
Wir begannen unser Haus zu bauen,
inmitten der Kulturrevolution
Den Vietnamkrieg, Kambodscha in den
Ohren Tränengas
in Berkeley
Jungen in Overalls, mit Angst in den
Augen, langem, verfilzten Haar, rannten vor der Polizei weg
Wir
schälten Bäume, bohrten Löcher in Steine hoben Gruben aus, badeten
zusammen im Schweiß
Als das Haus fertig war, machten wir weiter
Bauten ein Schulhaus mit einhundert Schubkarren hielten beim Essen
Seminare über kalifornische Paläo-Indianer
Wir löteten die Gestalt
der Figur „Wu“ aus der Chou-Dynastie auf die geschmiedeten Bögen
unter der Decke
Vergruben einen fünfspeichigen Vajra zwischen den
Schulgebäuden und dabei beteten wir und opferten Tabak
Diese Gebäude
wurden durch ein Feuer zerstört, eine blasse Kopie von der
Versicherung nachgebaut
Zehn Jahre später versammelten wir uns am
Rande einer Wiese
Die Kulturrevolution ist vorbei, das Haar ist kurz
Die Industrie hat das Sagen in den Wäldern des Volkes
Alleinerziehende Mütter gehen zurück zur Universität um Anwälte
zu werden
Ins Muschelhorn stoßend, die Ringe des Priesterstabes
schüttelnd
Begannen wir mit dem Bau einer Halle
Vierzig Leute,
Schreinerinnen, Kinderarbeit, Nägel einschlagen
Die
Cortenstahl-Bedachung festschrauben, und die Balken mit dem Hobel
bearbeiten
Das Gebäude ist in 3 Wochen fertig
Wir füllen es mit
Blumen und Freunden und eröffnen es.
Jetzt, im Jahr des Persischen
Golfs,
der Lügen und Verbrechen der Regierung, die als Tugenden
verkauft werden geht dieser Tanz mit der Materie weiter:
unsere
Gebäude stehen fest, zum Leben, Lehren, Sitzen, den Klang der Glocke
zu erkennen
Das ist Geschichte. Das ist außerhalb von Geschichte.
Gebäude werden im Moment gebaut, sie werden fortwährend getränkt
von dem See, der alle Dinge, nackt und glänzend erneuert
Der Mond
bewegt sich durch seine achtundzwanzig Tage
Nasse und trockene Jahre
vergehen
Scharfes Werkzeug, guter Entwurf.