09.06.26

Käfigkampf

 


Ellbogen treffen auf Nasenbeine, Fäuste prasseln auf Gegner nieder, die schon am Boden liegen: US-Präsident Donald Trump feiert seinen 80. Geburtstag mit Käfigkämpfen vorm Weißen Haus.

Ein Kommentar bei NDR Kultur sagt für mich eigentlich alles . 

Die Frankfurter Allgemeine fasst zusammen: Ein Bild für den Niedergang des Westens: Donald Trump feiert Geburtstag wie die römischen Kaiser. Mit Gladiatorenkämpfen in einem überdimensionierten Käfig vor dem Regierungssitz.

Das Weiße Haus ist nicht wiederzuerkennen: Erste Pressebilder zeigen, wie dort gerade eine Arena entsteht, in der am 14. Juni, zum 80. Geburtstag von Donald Trump, eine große Kampfsportveranstaltung mit 5000 Zuschauern stattfinden soll. Trump ist großer Fan der brutalen Mixed-Martial-Arts-Kämpfe der Kampfsportliga Ultimate Fighting Championship. Zum Geburtstag des Präsidenten wird also programmatisch Blut spritzen vor dem Weißen Haus.

Dessen klassizistische Architektur mit der harmonischen Tempelfront stand traditionell für den Anspruch Amerikas, sich an den humanistischen Werten der Antike und Renaissance zu orientieren. Die für den Geburtstag des Princeps aufgestellte Käfigkampf-Arena ist ein sprechendes Bild für den Untergang der alten westlichen Welt und für ein neues Amerika, das sich an einer dunkleren und gewalttätigeren Antike orientiert: Trump feiert Geburtstag, wie es die römischen Kaiser taten – mit Gladiatorenkämpfen.

Im Podcast der "Trump Effekt"  wird auf die momentane Gemengelage mit ZDF-Sonderkorrespondentin Katrin Eigendorf, Brüssel-Korrespondent Ulf Röller und Washington-Studioleiter Elmar Theveßen etwas länger eingegangen (57 Min) ...

05.06.26

Fundamentalismus

 In dem Radiofeature  "Heilige Krieger – Christfluencerund die Neue Rechte " wird aufgezeigt wie christliche Erweckungsbewegungen Einfluss nehmen auf politische Prozesse. 

Der Kulturkampf ist in der Religion angekommen. Das ARD Radiofeature zeigt wie Religion auf Social Media funktioniert, wie neurechte Aktivisten das Christentum als Bollwerk gegen Liberalismus, Feminismus und Vielfalt beanspruchen und die Kirchen versuchen ihre Definition universaler christlicher Werte in einer Welt im Wandel zu verteidigen.

Fundamentalismus gibt es heute auf vielfältige Weise.


Religiöser Fundamentalismus

Religiöser Fundamentalismus basiert auf einer strikten Handlungsorientierung von göttlichen Überlieferungen wie sie beispielsweise im Koran und in der Bibel vorgegeben sind. Die Orientierung an religiösen Vorschriften dehnt sich auch auf politische Ziele aus und geht oftmals Hand in Hand. Ziel ist eine von Gott geleitete "Herrschaft". Diejenigen, die der auserwählten Religion nicht folgen, gelten als "Ungläubige" und sind in den Augen vieler Fundamentalisten "dem Tode geweiht". Religiöse Regeln haben hierbei immer den Vorrang zu weltlichen Gesetzen.(Quelle)

Nähe zum Fanatismus

Der Fundamentalismus will die Gesellschaft nicht reformieren, sondern sie auf das eigene religiöse oder völkische oder politische Fundament stellen. Der Kern fundamentalistischer Ideologien ist dabei die Tradition. Das bedeutet jedoch nicht, dass Fundamentalisten die Ideen der Moderne wie Partizipation, totalistisches und egalitäres, anti-elitäres Denken ablehnen würden. Im Gegenteil, sie deuten diese für die eigenen Ziele um. So werden die modernsten Mittel der Kommunikation genutzt, um möglichst die Masse der Menschen zu erreichen und zu beeinflussen. Die Videos des so genannten Islamischen Staates für die Rekrutierung von Gefolgschaft auch in Deutschland sind ebenso ein Beispiel wie die öffentlichkeitswirksam inszenierten Auftritte der Identitären Bewegung in den Sozialen Medien. (Quelle)

In der Zeitschrift BlickPunkt.e (Materialien zu Christentum, Judentum, Israel und Nahost) zeigt Micha Brumlik auf, dass es auch einen jüdischen Fundamentalismus gibt. (Quelle)

Letzten Endes strebt der Siedlerfundamentalismus auf seine Weise ebenso wie die islamistischen Palästinenser die Auflösung des modernen, zionistischen Staates Israel an. Wo dieser Nationalstaat auf die demokratische Verfasstheit des Volkes und auf die Begrenztheit seines Territoriums sowie die prinzipielle Gleichwertigkeit anderer Nationen setzte, kennt der Fundamentalismus nur noch das Gegenteil all dessen: An die Stelle des demokratischen Volkes tritt die jeweils beanspruchte, nicht mehr diskutierbare Souveränität Gottes, an die Stelle eines von den Nachbarn anerkannten Territoriums das heilige Land, das Siedlungsgebiet eines Stammes, an die Stelle eines Staatsvolkes tritt das Volk Gottes.   

So zeigt der Blick auf das Weltgeschehen immer wieder, dass die Lernfähigkeit großer Bevölkerungsteile , der Wille zur Toleranz und das Vermögen ohne Hass miteinander umzugehen doch sehr beschränkt ist. Politische Machtspielchen und diese verheerenden Kriege weltweit führen zu keiner progressive Entwicklung . Die neuen Medien befördern dieses Unvermögen noch zusätzlich durch Verkürzung, Anonymität und schneller Verbreitung ....

Interessant dazu in den Blättern neu: 


16.05.26

Gammler, Zen und hohe Berge

 Mein Freund Long hat mir das Buch Tortilla Flat von John Steinbeck zum Lesen überlassen. Es war zur Zeit des verzögerten Erwachsenenwerdens - nach seiner Aussage - ein Kultbuch unter ihm und seinen Spezis. Ein Schelmenroman sehr trickreich .... Mir hat der Roman nicht zugesagt. Hölzerner Schreibstil und seltsame Geschichten mit viel Alkohol ....

Ich hab dann nochmal mein damaliges Kultbuch hervorgeholt : Gammler, Zen und Hohe Berge. Den Autor Jack Kerouac hab ich 2022 schon mal erwähnt.


Ich hab das Buch nun nochmal gelesen. Auch hier viel Alkohol. So hat sich Kerouac ja auch ziemlich schnell  totgesoffen .... Das hat mich auch nicht fasziniert. Eher war es der Schreibstil: Kerouac beschrieb den Zustand spontaner Wahrnehmungskonzentration, den er mithilfe der Zen-Meditation förderte, so: "Wenn man alles zum Stillstand bringt und seinen Verstand ausschaltet, um mit geschlossenen Augen tatsächlich so etwas wie einen ewigen und unübersehbaren Strom elektrischer Kraft zu sehen, der schmerzlich aufstöhnend dahin braust." 
Und dann war noch inhaltlich interessant die Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Lebensstil und fernöstlicher Schriften. 
Im Roman ist der Protagonist Ray Smith wie so oft bei Kerouac ein Alter Ego des Autors. Während seiner USA-Tour besucht er Japhy Ryder, der sich mit den Schriften des chinesischen Gelehrten Han-Shan auseinandersetzt. In dessen Versen findet die Gruppe, zu der weitere junge Männer gehören, das Versprechen eines anderen Lebens: Sein statt Haben, Wissen und Einkehr, das anti-kapitalistische Mantra halt, das auch heute gefragt ist. ( Damals hab ich auch Erich Fromm verschlungen ..)

Dieser Japhy Ryder ist der Dichter, Autor und Umweltaktivist Gary Snyder . Und der scheint heute noch zu leben !!! Müsste 96 sein !!

2014
Hier ein Text von Dieter Halbach aus dem Jahr 2010:

Er vereint die neuen Pfade der Beat-Generation in Dichtung, Forschung, Meditation, Wildniswissen, Selbstversorgung, politischem Aktivismus und Gemeinschaftssuche in sich. In seiner Dichtung bilden gelebte Existenz und Wort eine Einheit.
»Die ›Selbstversorger‹ sind jene Dichter, die selbst an einem Ort leben, wo sie bleiben wollen, und die erkennen, dass ihre Dichtung eine nützliche Rolle im täglichen Leben ihrer Gemeinde spielt«, schreibt Gary Snyder über Seinesgleichen.
Geboren 1930, wuchs er in den Wäldern von Washington als Sohn eines Farmers auf. Frühe Begegnungen mit der Kultur der Ureinwohner und das Alleinsein in der Wildnis der Wälder und Berge führten zu seinem Interesse an naturnahen Kulturen. Er studierte Anthropologie und Literaturwissenschaften und machte zwischendurch eine erste lange Seereise. Statt ein elitäres Akademikerdasein zu fristen, ging er mitten ins Leben hinein: »Keiner von der Besatzung hat je gemerkt, dass ich die Universität besucht hatte.« Nach dem Hochschulabschluss arbeitete er als Holzfäller, Forstaufseher und Steinmetz. »Erziehung ist nur sinnvoll, wenn man dazu bereit ist, für die Entziehung ebenso viel Zeit aufzuwenden […] wieder mit Leuten in Berührung zu kommen, mit einfachen Dingen.«
In dieser Phase entstanden seine ersten Gedichte in einer direkten, ungeschönten Sprache. Eine andere Quelle seiner Dichtung ergab sich durch sein Studium der japanischen und chinesischen Sprache und des Buddhismus. Zusammen mit Allen Ginsberg, Jack Kerouac und anderen ist er ab 1955 in San Francisco am Entstehen der sogenannten Beat-Bewegung als Lebensform und literarischer Protestform beteiligt. Snyder ist in dieser Bewegung der schrägen Vögel, der Drogen und Exzesse eine besondere Gestalt: Diszipliniert, ernsthaft meditierend und studierend, sich selbst gesund ernährend, die Sprache der einfachen Leute sprechend – so wird er bald von seinen eigenen Leuten und darüber hinaus hoch geachtet. Ein beredtes Dokument dafür ist der Roman von Jack Kerouac »Gammler, Zen und hohe Berge«, in dem ihm sein Freund als Japhy Ryder ein Denkmal setzt.

Und diese Person hat mich besonders beeindruckt ...Und im Roman ist er sehr eigen und sympathisch dargestellt.
 
Zen und Gemeinschaft
Es folgt Snyders erste Tramptour durch Japan und der Beginn seiner Lehrzeit im Zen-Kloster. Nach einer Weltumschiffung als Heizer und Maschinist setzt er von 1959 bis 1965 das Studium unter seinem Meister Oda Sesso Roshi fort. 1965 wurde er Dozent am Poetry Center in Berkley und vermittelte dort in einer schreibenden Werkstatt-Kommune seine Philosophie: »Man braucht nur eine Minute, um ein Gedicht zu schreiben. Aber mein ganzes Leben besteht darin, dem Lied zuzuhören.«
In Japan hatte er auf einer Vulkaninsel eine Gemeinschaft gegründet. Während jener Zeit notiert er: »Du gibst jemandem einen Pullover, und im nächsten Jahr siehst du denselben Pullover an zehn oder fünfzehn verschiedenen Leuten wieder«. Er kommt gerade rechtzeitig zurück in die USA, um »die Bäume und Gräser zur Rebellion gegen die Ausbeuterklasse aufzuwiegeln.« 1967 initiiert er das erste legendäre »Human Be-In« als »Gathering of the ­Tribes«, als Stammesversammlung der Gegenkultur in San Francisco.
»Ich habe erfahren, dass für meine Arbeit und mein geistiges Wachstum das Leben in einer Gemeinschaft wertvoller ist als das in einem Netzwerk Gleichgesinnter. Weil das Netzwerk einen darin bestärkt, sich wichtig zu nehmen, die Gemeinschaft aber nicht.« Ab 1970 lebt er mit seiner Familie und Freunden auf dem Land in Nordkalifornien und erwartet, »die nächsten zwei oder drei Jahrtausende dort zusammen zu sein.«
Dieses gedehnte evolutionäre Zeitverständnis wendet Snyder auch politisch in seiner Zeit als Berater in einer Regierungskommission an. Berühmt ist seine Antwort auf die Frage des Gouverneurs: »Kämpfst du nicht ständig gegen den Lauf der Dinge an?« – »Nein, das ist nur ein Wirbel im Fluss, gegen den ich angehe. Mit der großen Strömung bin ich im Einklang.«
Mittlerweile ist Snyder emeritierter Professor der Universität von Kalifornien, hat viele Ehrungen erhalten, unter anderen 1975 den angesehenen Pulitzer-Preis für sein Buch »Schildkröteninsel« und 1998 als erster Amerikaner den Buddhist Transmission Award. Nach einer längeren Pause veröffentlichte er 1996 das epische Gedicht »Mountains and Rivers Without End«, an dem er über 40 Jahre geschrieben hat.
Mit 80 Lebensjahren und der ganzen Evolution im Rücken blickt Gary Snyder gelassen in die Zukunft.     

Fazit: Letzten Endes ist Kerouac eine bedauernswerte Gestalt. Im Roman gibt ihm Japhy Ryder (Gary Synder) den eindringlichen Rat nicht so viel zu saufen. Ray Smith (Keroac) möchte ihm gern nacheifern (Zen usw.) -- schafft es aber nicht ....

Das Scheitern wird sehr gut beschrieben in einem Interview im Deutschlandfunk mit dem Autor John Wray zum 100.Geburtstag von Kerouac.

Das Buch gibt es in einer Neuauflage unter dem Titel: Die Dharmajäger



03.05.26

Massenmörder Haarmann

 Der Anfang eines Artikels in Zeit-Online hat bei mir eine Erinnerung wach gerufen (da ich keinen Zugang mehr habe, konnte ich den Artikel nicht lesen, aber ...)

Warte, warte nur ein Weilchen / bald kommt Haarmann auch zu dir / mit dem kleinen Hackebeilchen / macht er Hackefleisch aus dir .... Dieses Liedchen umgetextet nach einer Operettenmelodie wurde mir in meinem einen Grundschuljahr in Hannover - Linden nebst einigen Schauergeschichten von der Verwandtschaft präsentiert. (gesamter Text hier). Verstörend war, dass der Massenmörder Haarmann mal dort gewohnt haben soll wo nun mein Schulweg war .... Im Kalenderblatt "Das Monster von Hannover" wird in Kurzform auf die Geschichte eingegangen.

Haarmann wird 1924 zum Prozess geführt

In dem Artikel der Zeit wird verwiesen auf Theodor Lessing, der sich intensiv mit dem Prozess gegen Haarmann beschäftigte. 1925 hat er dazu ein Buch veröffentlicht : "Haarmann / Die Geschichte eines Werwolfs ". Dieses Buch kann man nun beim Projekt Gutenberg nachlesen. In diesem Buch wird sehr diffizil die Persönlichkeit des Mörders, der Umfang der Anklage, die Ermittlungsergebnisse und auch die Rolle der Öffentlichkeit und der Gutachter dargelegt. Besonders wird auf die Versäumnisse der Polizei eingegangen. In deren Auftrag funktionierte er ja als Spitzel....(Ich muss mir das Ganze nochmal in Ruhe durchlesen!). In jener Zeit gab es die große Inflation was den Schwarzhandel und den illegalen Handel mit Fleisch (Menschenfleisch ?) begünstigt hat ....

Tragisch für den Autor war dann, dass er 1933 im Exil in der Tschechoslowakei von Nazis ermordet wurde.


14.04.26

Transformation

Transformation ist zum Modewort geworden: grün, digital, gesellschaftlich, politisch. Es klingt nach Aufbruch, nach dem Schmetterling, der der Raupe entschlüpft. Doch Transformation bedeutet nicht zwangsläufig Fortschritt – sie kann auch Verlust, Machtverschiebung und Krisenerfahrung heißen.


 Als ich im Internet nach dem Begriff Transformation mit seinen gesellschaftlichen Auswirkungen suchte, ist mir ein interessanter Artikel aufgefallen: 

Die Große Transformation reloaded? Polanyis Erbe und die Krisen des 21. Jahrhunderts



von Sebastian Matthes Sozialwissenschaftler (nicht zu verwechseln mit dem Chefredakteur des Handelsblatts mit gleichem Namen)
 Veröffentlicht ist er bei der Stiftung Energie und Klimaschutz

Schon der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi beschrieb Mitte des 20. Jahrhunderts die „Große Transformation“, die mit der Durchsetzung der kapitalistischen Marktordnung einherging. Heute erleben wir erneut einen umfassenden Wandel: die Umwälzungen durch Digitalisierung und Klimawandel, die Erosion der liberalen Demokratie und die Dysfunktionalität des Finanzsystems. 
Transformation meint soweit mehr als ein „positives“ Bild des Wandels, wie es die Metapher der Raupe und des Schmetterlings nahelegt. In Anlehnung an die Definition von Karl-Heinz Hillmann lässt sich Transformation verstehen, als die – oft mit Konflikten und Krisen verbundene – tiefgreifende Umwandlung einer Gesellschaft und Kultur in ein neues soziokulturelles Gesamtsystem. Insofern bedeutet Transformation eine soziokulturelle Zäsur, die oft eine neue Epoche einläutet.

Karl Polanyi war ein Pionier der interdisziplinären Wirtschaftswissenschaft. Mit seinem weiten Verständnis von Ökonomie als der Organisation der Lebensgrundlagen kritisierte er den illusionären Versuch der Wirtschaftsliberalen, alle Lebensbereiche zu vermarktlichen. Karl Polanyi wandte sich gegen jede Form von Dogmatik, allen voran der des wirtschaftsliberalen Marktfundamentalismus. Wiewohl ein Linker, kombinierte er progressives und konservatives Denken, um den Wirtschaftsliberalismus als eine illusionäre und deshalb gefährliche Ideologie zu entlarven. Polanyi zählt zu den wenigen linken Denkerinnen und Denkern, die schon früh die Ambivalenzen gesellschaftlichen Fortschritts erkannten und wussten, wie wichtig »Beheimatung« (habitation) gerade in Zeiten des Umbruchs ist. Deshalb hilft seine Analyse, um aktuelle Dynamiken wie die Klimakrise und den Aufstieg reaktionärer rechter Bewegungen besser zu verstehen.  

Politisch ist das 21. Jahrhundert bisher vor allem durch Instabilität und Machtverschiebungen geprägt. Die Vereinten Nationen wirken angesichts der globalen Kriege und Krisen überfordert. Der Handlungsspielraum der Weltorganisation wird derzeit zudem durch eine tiefe Vertrauenskrise eingeschränkt. Was wir seit einigen Jahren auf der Ebene der internationalen Beziehungen erleben, deutet auf die schleichende Ablösung der liberalen Weltordnung nach 1989 hin (Lucarelli 2022). Die USA, die Supermacht des 20. Jahrhunderts und Schutzmacht des Westens, haben – wesentlich durch das unberechenbare Handeln der Trump-Administration – außenpolitisch das Vertrauen verloren und sind selbst innenpolitisch instabil geworden. Gleichzeitig steckt das liberale Demokratiemodell westlicher Prägung in der Krise. Autoritäre Regime und Weltanschauungen sind auf dem Vormarsch. Neben den äußeren Herausforderungen durch autoritäre Systeme werden die liberalen Staaten von innen heraus durch demokratiefeindliche Massenbewegungen und eine rechtspopulistische Kultur bedroht – angeführt von einem transnationalen Netzwerk nationalistischer und oligarchischer Kräfte. Der Kulturkampf der transnationalen Neuen Rechten richtet sich (auch) gegen das Projekt einer sozial-ökologischen Transformation und den liberalen Staat als Regulationsinstanz.     



Als Fazit schreibt Matthes: Noch ist offen, in welches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem die Transformation mündet. Damit die aktuellen Transformationsprozesse als sozial-ökologische Wende gelten können, bedarf es einer Umkehrung der bisherigen marktwirtschaftlichen Logik, wie sie Polanyi in The Great Transformation analysierte. Gerade deshalb kommt es darauf an, Transformation nicht allein den Dynamiken von Märkten und Machteliten zu überlassen. Ein normativer und praktischer Fluchtpunkt ist der Ansatz der Just Transition: Er verbindet ökologische Verantwortung mit sozialer Gerechtigkeit und fordert politische Gestaltung, die auch Fragen der Teilhabe und Anerkennung einbezieht. Hierin liegt das Potential die sozial-ökologischen Krise zu entschärfen. Wenn die „Große Transformation“ unserer Zeit nicht zu einer autoritären oder rein marktgetriebenen Entwicklung führen soll, dann muss Just Transition zum Maßstab werden, an dem sich politische Projekte und gesellschaftliche Gestaltung messen lassen. 

Was ist Just Transition? Unsere Welt muss klimaneutral werden. Das erreichen wir nur, wenn wir unsere Lebensweise grund­legend verändern und auf Nach­haltigkeit aus­richten. Die Kosten und der Nutzen dieses Struktur­wandels müssen dabei gerecht ver­teilt werden. So ein gerechter Über­gang – eine Just Transition – hat das Ziel, die Lebens­bedingungen der Menschen spür­bar zu ver­bessern und gleich­zeitig die Treibhaus­gas­emissionen drastisch zu senken. Damit dies sozial gerecht gelingt, ist es wichtig, dass besonders be­troffene Gruppen von ihren Potenzialen profi­tieren und sich an Ent­scheidungs­prozessen be­teiligen können.


Sehr gut zu obigem Artikel passt ein Radiofeature, das ich letzthin anhörte:

Überreichtum – Wie Vermögensungleichheit Demokratie angreift

ARD Radiofeature · 30.03.2026 · 54 Min.

Vermögen ist in Deutschland extrem ungleich verteilt – mit Folgen für Politik und Demokratie. Das ARD-Radiofeature geht der Frage nach, wie Vermögende ganz legal politischen Einfluss ausüben können. Gleichzeitig fühlen sich viele Menschen im Land nicht mehr repräsentiert. In Interviews mit Erben, Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmerinnen, Forschenden und Lobbyisten wird nach möglichen Zusammenhängen von Vermögenskonzentration, Überreichtum und Demokratiedefiziten gesucht. Kern der Recherche ist die Frage, ob in der repräsentativen Demokratie der Bundesrepublik Deutschland wirklich jede Stimme gleich viel wert ist. Ein Feature von Gilda Sahebi und Kristin Langen, Produktion: SWR-Kultur 2026.  






03.04.26

Mein Wohnen in den 50er Jahren

 Damals wohnhaft im „Block“ gegenüber der Firma Baumüller und einer nicht mehr existierenden Gießerei in der Ostendstraße. Block deswegen weil die Mietshäuser der Siedlung jeweils über Eck abgeschlossen um eine große Freifläche erbaut worden waren. Straßenbahnhaltestelle Marthastrasse der Linie 3. Ab 1953 sind wir aus dem feuchten Loch mit Plumpsklo in der Braugasse in Hersbruck nach Nürnberg umgezogen.Ich war damals 5 Jahre alt. Für mich war das als wäre ich jetzt in einer Villa angekommen. Erst zu Dritt in einer 2 Zimmerwohnung mit Wohnküche und Badezimmer ohne Tageslicht, aber mit Emaille Wanne, Badeofen, in dem man zum Samstagsbad die Zeitungen verbrannt hat, – und Spültoilette ! Die Zimmerfenster unserer Wohnung gingen nach hinten hinaus mit Blick auf Kleingärten im Innenhof. Ein kleiner Ofen im Wohnzimmer und ein großer Kohleherd in der Küche mit Wasserschiff und Bratröhre konnten mit Kohle, Holz und Papier betrieben werden. Das Haus hatte 9 Mietparteien und jede ihr Keller- und Dachbodenabteil. Gemeinschaftlich gab es eine Waschküche mit beheizbarem Bottich, einen Trockenboden und außen noch Vorrichtungen um Wäscheleinen zu spannen.

Im Hof gab es eine Freifläche mit großem Sandkasten und einer riesigen alten Eiche.Bänke waren dort reihum aufgestellt und dahinter Anpflanzungen mit Sträuchern, die sich zum Verstecken gut eigneten.

In der Siedlung gab es noch eine Wäschemangel, eine Mütterberatungsstelle, ein Brausebad und einen Konsumladen. Ich war im Kindergarten der Arbeiterwohlfahrt (heuteKulturladen Loni-Übler-Haus). Zum Einkaufen waren die Wege kurz. Im Milchladen konnte man die Milch auch offen einfüllen lassen. Joghurt und Sahne gab es im Glas – und das einfach nur in einer Sorte und Qualität. Beim Bäcker drüben über der Ostendstraße konnte man sogar Frühstücksbrötchen geliefert bestellen. Der hatte auch Lebensmittel und stellte dafür ziemlich früh auf Selbstbedienung um. Ein kleiner Laden, der sich aber über Jahrzehnte hielt. Dort am Eck war auch eine Baracke in der Gemüse verkauft wurde. Sauerkraut und Gurken aus dem Fass. Manchmal gab es auch Südfrüchte und Bananen.Eine Metzgerei und zwei Gaststätten waren auch leicht erreichbar.

Und es gab eine Kohlenhandlung und eine Kistenfabrik in der Nähe. Briketts oder Restholz aus der Fabrikation wurden mit dem Leiterwagen selbst geholt. Anthrazit wurde in schweren Körben geliefert und von den Kohleträgern gleich in den Keller gebracht. In einer Wohnung in der Nähe gab es eine Flaschenbierhandlung. Da durfte ich mir im Sommer mal eine Windsheimer Limonade holen.


heute ist der Block saniert

Mit vier Parteien im Haus hatten wir näheren Kontakt: Beim Ehepaar Hammer hat sich der Mann im Fernkurs fortgebildet und sie zogen irgendwann fort, da er nun als Leiter eines Wasserwerks im Norden arbeiten konnte. Dann waren da die Haidas: Flüchtlingsehepaar mit zwei älteren Söhnen von denen einer bald nach Afrika ging und als Brauer arbeitete. Dann die Kretschmers: Ein Ehepaar mit Schwiegermutter. Frau Kretschmer konnte keine Kinder mehr bekommen, da sie in Breslau von Sowjetsoldaten mehrmals vergewaltigt worden war. Er war Este, ein sehr netter Mensch der bei den Amerikanern arbeitete. Vielleicht beim CIA oder einer anderen Behörde. Die Müllers im zweiten Stock hatten 3 Kinder mit denen ich oft zusammen war. Herr Müller hatte ein Holzbein und man konnte es hören wenn er morgens um 6 die Treppe herunterkam um zur Straßenbahn zu humpeln. Frau Müller rauchte viel und sie hatten irgendwann ein Fernsehgerät. Ich durfte auch mal was schauen. Wir hatten alle kein Auto und der Müller war der Erste der sich eins zulegte – einen Ford 12 M , den mit der Weltkugel.   


So waren damals die Straßen auch nicht zugeparkt. Man konnte in den Nebenstraßen Ball spielen und auf den Gehsteigen z.B. Kästlehüpfen. Kinder gab es einige und in der Grundschulzeit haben sich meine Kreise und Kontakte immer mehr erweitert. So drang ich vor bis Alt-Mögeldorf und ins Villenviertel Ebensee. Ein beliebter Abenteuerort waren einesteils die Gerüste bei damaligen Neubauten, aber auch die Umgebung des alten Pulvermagazins mit der darunterliegenden alten Kläranlage. Die Eisenbahnbrücke über das Tal der Pegnitz mit dem riesigen Bahndamm und die weiten Wiesen mit den von Weidenbüschen umstandenen Bombentrichtern waren nicht zu verachten – besonders wenn dann mal wieder Hochwasser war. Heute ist dort der obere Wöhrder See. Und im Sommer gab es den Pulversee. Der hatte eine unterirdische Verbindung zur Pegnitz. Die zwei Vereine Bayer 07 und der Eisenbahner Sportverein betrieben den Natursee als Bad. Am Hang waren terrassenförmige Stufen angelegt. Ideal um einen Überblick zu haben. Es gab einen Nichtschwimmerbereich – mit schwimmenden Balken abgetrennt und betoniertem Grund. Ein hölzerner Steg teilte den See und ermöglichte den Vereinen für das Training einen Bereich abzusperren. Im Hundstrapp hab ich mir selbst das Schwimmen beigebracht. Fantastisch war das großzügige Wiesengelände außen herum. Am Rand bestanden mit riesigen alten Bäumen. Es ging bis zur Pegnitz im Norden und zum Wehr bei der Feuerwehr. Dort konnte man in der kalten Strömung herum waten. Weiter westlich bauten die Großen Tarzanschaukeln über den Fluss und jenseits des Zauns ließ ein Laufamholzer Bauer seine Pferde weiden. Die Prairie hat gerufen. Übrigens: Nach Wöhrd ging man als Mögeldorfer nicht rüber. Da waren Banden, die einen vermöbelten.

Der Vater hat versucht in dieser kleinen Wohnung als Uhrmachermeister seine Existenz zu sichern. War nicht so erfolgreich. Vorher war er noch bei den Amerikanern in der PX in Fürth. Hat er nicht so ausgehalten. Großraumwerkstatt mit Musikbeschallung. Irgendwann hat er die Frührente eingegeben... Die Mutter arbeitete in einem Offiziersclub der Amerikaner im Künstlerhaus. Einesteils in der Küche aber auch als Bedienung. Später war sie als Kontoristin bei einem SPAR Auslieferungslager im Nürnberger Westen (Adam-Klein-Straße) beschäftigt . Das waren eigentlich nur einige Baracken mit Lager und Büro. Gleich daneben wurde langsam das Versandzentrum der Quelle erbaut.  


55 mit Bruder
Die 2.Klasse 55/56 verbrachte ich in Hannover bei den Großeltern und der Verwandtschaft mütterlichseits. Wieder in etwas prekären Wohnverhältnissen im Arbeiterviertel Linden. Aber in einer neuen herrlichen Schule mit fortschrittlicheren Lernmethoden. Warum ich dort hin verfrachtet wurde ist unklar. Februar 1955 kam mein Bruder zur Welt. Er war als Baby recht kränklich. Vielleicht wollte sich meine Mutter scheiden lassen ? Vielleicht war jetzt die Wohnung zu eng ? Vielleicht auch dieser schreckliche Lehrer Loos in der 1. Klasse, der folgendes Zeugnis hinterließ:


Er stockkatholisch und ich nicht getauft...

Ich kann mich nur noch erinnern, dass ich in der späteren Grundschulzeit in Nürnberg entweder viel draußen war, mich mit Schulkameraden getroffen oder mich in Bücher vergraben hatte. Die Schullesebücher hab ich gleich in den ersten Wochen durchgelesen gehabt. Nachschub gab es in der Stadtbibliothek am Gewerbemuseumsplatz. Ich war oft dort.

Ende der 50er Jahre hat sich dann meine Welt etwas verändert: Der Autoverkehr nahm zu. Auf der nun viel befahrenen Ostendstraße gab es einige Unfälle mit Fußgängern. An der Marthastraße wurde eine Ampel installiert.Der Schulweg war nun genau durchgesprochen um die gefährlichen Stellen zu vermeiden. In der 5.Klasse war ich noch auf der Volksschule, da meine Eltern abwarten wollten wie ich mich entwickle und sie mir fürs Gymnasium nicht helfen konnten- sagten sie. Ich hatte aber 3 recht gute Lehrkräfte (einer ist schnell Rektor geworden und einer Seminarleiter), die mich motiviert haben. Jetzt hatte ich auch ein Fahrrad. Zwar nicht neu und ohne Gangschaltung, aber man konnte auf damals noch ungefährlichen Wegen schnell zum Schmausenbuck oder nach Ebensee fahren.

Urlaubsfahrten gab es nicht, aber Sonntagsausflüge in die Umgebung. Alles mit Bahn oder zu Fuß. Da wir nicht in der Kirche waren, gab es auch keine Gottesdienste. Hab ich nicht vermisst, da es dort immer etwas düster war und seltsam roch. Das Radiogerät in der Wohnküche war wichtig. Samstag war da sehr schön, wenn gebacken wurde und nebenher eine Familiensendung lief.

Ich hatte eine schöne Kindheit am Stadtrand. In bescheidenen Verhältnissen , mit viel Freiheit und Spielraum.

Als Jugendlicher war es dann schwieriger, da man ja kein eigenes Zimmer hatte. Und obwohl ich dann bei unserem Umzug nach Lauf 1965 ins Reihenhaus einen eigenen Rückzugsort hatte, wurde ich dort nicht heimisch – weder mit der Situation noch mit dem Ort.

Es scheint so zu sein, dass ich jetzt im Alter „back to the roots“ gefunden habe : Eine überschaubare bezahlbare Wohnung am Stadtrand mit Grün außen rum , mit der Möglichkeit schnell draußen zu sein und die Versorgung in der Nähe zu haben. Auch für den Öffentlichen Nahverkehr sind die Gelegenheiten sehr gut.Unser Hause der Genossenschaft hier ist in den 60er Jahren gebaut worden und einigermaßen saniert. Das Erbe der 50er Jahre ist das „Sich Bescheiden“ und ein gerüttelt Maß an Zufriedenheit. Das ist auch Glück ....

23.03.26

Der ganz normale Wohnsinn

 Heute ziemlich früh hab ich einen sehr interessanten Podcast gehört: Der ganz normale Wohnsinn - ein Halleluja für vier Wände. Autor ist Thomas Grasberger, ein Bayer der angenehmen Art. 

Zum Inhalt: Wohnen ist ein Menschenrecht. Immer öfter aber ist Wohnraum unbezahlbare Mangelware, hohe Mieten haben längst nicht nur München erfasst, auch andere bayerische Städte und sogar die kleineren Gemeinden auf dem Land. Thomas Grasberger spürt dem ganz normalen Wohn-Sinn nach.

In der Sendung wird eine phantastische Website erwähnt: Moloch München. Sie ist in sehr differenzierter Feinarbeit gestaltet worden von Wolfgang ZänglEr  hätte den Beruf des Erben wählen können oder die Fabrik seiner Eltern für viel Geld verkaufen. Stattdessen schuf er den "Kulturpark", wo Mieten moderat sind und die Mischung bunt ist.

Hier gibt es einen Artikel aus der SZ in dem seine Einstellung gut beschrieben wird. Die Anfragen verschiedenster Immofirmen zu seinem Grundstück sind hier aufgelistet. Seine Stellungnahme von 2019 in Bezug auf den Kulturpark ist hier nachzulesen ....

Im weiteren wird in der Sendung das Buch "Verbietet das Bauen" erwähnt : Seit zehn Jahren wird jedes Jahr mehr gebaut als im Vorjahr. Großstädte klagen trotzdem über Wohnungsmangel. Das beweist: Neubau löst keine Probleme – aber es schafft welche: Spekulation vertreibt Menschen, Abriss zerstört Baukultur, Bauwut schadet dem Klima. In der aktualisierten und erweiterten Neuauflage von »Verbietet das Bauen!« beschäftigt sich Daniel Fuhrhop mit den Diskussionen zu Enteignung, neuem Bodenrecht und Klimakrise.

Zum Schluss des Podcast führt Grasberger die Hörer noch in seine alte Heimat Altötting. Dort gibt es eine Organisation, die schon erfolgreich bezahlbaren Wohnraum geschaffen hat: Das SauRiassl Syndikat ist ein solidarisches Netzwerk aus gemeinschaftlichen und ökologischen Wohnprojekten in der Region um Altötting (Südostoberbayern).


 Bei uns geht es um mehr als nur um gemeinschaftliches Wohnen - und wir sind größenwahnsinnig genug, es hier hinaus zu posaunen: Klimaneutralität, der Aufbau regionaler Versorgungsstrukturen, neue Mobilität, Stromerzeugung, ressourcenschonendes Bauen, Quartiersentwicklung, soziale Gerechtigkeit, politische Arbeit und vieles mehr stehen auf unserer Agenda.
Stabilität, Kreislaufwirtschaft und Gemeinwohl-Ökonomie heißt die Devise des 21. Jahrhunderts. Wir verstehen uns als Teil einer Bewegung, die auf die Grundlage von Gemeineigentum, Selbstverwaltung und demokratischer Planung von unten setzt. Wir wollen mit einer am Bedarf ausgerichteten, nicht profitorientierten Produktion eine auf unendliches Wachstum ausgerichtete Wirtschaftsform überwinden.