16.10.26

Das Ehekarussell

Im Zuge des U-Bahn Baus und der Entwicklung einer Fußgängerzone in Nürnberg wurde dem Bildhauer Jürgen Weber der Auftrag gegeben einen Brunnen auf dem Ludwigsplatz vor dem Weißen Turm zu erstellen. Er sollte einen Entlüftungsschacht der U-Bahn kaschieren. Zur Vorgeschichte und der Entwicklung des Kunstwerks habe ich schon geschrieben. Das Konzept war also fertig und die Herstellung im Atelier Braunschweig und der Gießerei in München einschließlich der Marmorarbeiten dauerte 7 Jahre ! 1984 wurde das Ganze dann aufgebaut:

der Entlüftungsschacht 
Im Hintergrund kann man den Rolltreppeneingang zur U-Bahn Station "Weißer Turm" erkennen, die ja schon seit 1978 in Betrieb war.
Einhub eines Bronzeteils

J.Weber passt noch ein Marmorteil an

Es gab dann noch Schwierigkeiten, da für die Montage noch eine Nachforderung von über 100.000 DM zu leisten war, die der Stadtrat aber erstmal nicht absegnete ....

Auf dieser Website kann man den Brunnen mit seinen einzelnen Szenen im Aufbau sehr gut selbst erkunden.
Schema zum Aufbau

In den folgenden Erklärungen beziehe ich mich auf die Erläuterungen von Weber in seiner Broschüre...

Wenn man vom Hefnersplatz auf den Weißen Turm zuläuft erkennt man gleich die Säule auf der Hans Sachs über dem Chaos seiner Ehe tanzt.


Dahinter ist der Ehefelsen. Von ihm springt links von Hans Sachs ein Bock in das vorderste Brunnenbecken, in das von rechts eine Brunnennymphe steigt. Bock und Nymphe stellen den eigentlichen Eros dar, der zu Liebe und Ehe führt .


Hinter der Säule befindet sich der Ehefelsen, auf dem ein verendeter Bock, als Symbol für den Mann, und ein Menschenschädel, als Überrest der Frau, liegen.  



Wenn man hinter der Nymphe vorbeisieht, kann man folgende Inschrift unter dem Totenkopf entdecken: " BIS DER TOD EUCH SCHEIDET".Das Gedicht von Hans Sachs endet ähnlich: 'Sie ist meines Herzens Aufenthalt, und machet mich doch grau und alt'.

Der Schwanenwagen mit dem Liebespaar ist aufgebaut zwischen zwei Höllen. 



Der Schwan - seit alters her ein Liebesvogel - hat zwei Hälse und Köpfe, welche ebenfalls miteinander schnäbeln. Außerdem haben alle Karussells Schwanenwagen. Bei Hans Sachs heißen die dazugehörigen Verse: 'Sie ist mein Engel auserkoren ... Sie ist mein Mai und Rosenhag'.

Die eine Hölle ist rechts von Hans Sachs aufgebaut neben dem Ehefelsen : Das Höllenfeuer . Das Paar befindet sich in einem Flammenwagen. Mann und Frau haben sich gegenseitig an der Kette und stehen in Flammen. Das Bild weist auf die 'Jüngstes-Gericht-Darstellungen' der Gotik hin, in denen immer in einer Ecke der Teufel die Verdammten mit einer langen Kette gefangen hält; das Ganze natürlich in Flammen. Der Wagen sagt also: 'Jeder des anderen Teufel, jeder des andern Verdammter'. Die Verse bei Hans Sachs, welche das Gleiche meinen, heißen: 'Sie ist auch oft mein Pein und Hell ... ist oft mein Fegeteufel woren..."


Höllenfeuer von hinten

Die zweite Hölle schließt sich an den Schwanenwagen an: Der Höllendrachen.Nach dem Schwanenwagen, neben dem Rosenständer, schließt sich ein Höllendrachen als Wagen an, auf dem zwei halbverweste Leichen miteinander kämpfen. Auf dem Bein des Höllendrachens stehen die Worte: 'Ehestreit in Ewigkeit'. Die dazugehörigen Verse bei Sachs sind: 'Ist oft mein Schauer und Platzregen ... Ist oft mein Ankläger und Prediger ... Ist oft mein Jammer, Angst und Schmerz ... Ist oft mein Graun und Suppenwust'. Der Höllendrachen und die Leichen spielen wieder auf die Kirmes, also Geisterbahn an.




Auf dieser Hälfte des Brunnens sind also die Extreme der Ehe dargestellt.


Auf der anderen Seite geht es mehr um das Alltägliche.


Eine Säule ( Rosenhag) und ein Feigengesteck trennen diese Bereiche.


Während bei Hans Sachs die positiven und negativen Sätze sich aufheben, kommt beim Ehekarussell durch Blüten und Früchte zusätzlich Positives hinzu: Wie die Ehe auch war, sie hat Früchte getragen. Die Auffassung als Karussell und die darauf bezogene farbige Fassung sind volkstümlich und trotz Liebe und Schrecken nicht ganz so ernst gemeint, wie sie in Nürnberg anscheinend verstanden werden. 
Das wichtige menschliche Problem von Liebe und Ehe - keineswegs eine banale Frage - wird hier dadurch vergegenwärtigt, dass volksfestartige Formen verwendet werden, so wie früher religiöse Muster benutzt wurden. Es handelt sich um eine ähnliche Verwandlung von Kirmes zu Kunst wie in der Drei-Groschen-Oper von Bert Brecht.
Ein kleines bisschen Humor sollte man bei sich schon entdecken, wenn man den Brunnen anschaut ..."
(Jürgen Weber)

Die farbige Fassung gibt es nicht mehr !!

Auf der anderen Seite des Rosenhags - in rosa und grünem Marmor - steht der Pelikanwagen, in dem die Mutter die Kinder füttert, während der Vater weise Reden hält. Die frühen Christen hielten den Pelikan für das Ursymbol der Mutterschaft, weil er angeblich sein eigenes Herz an die Jungen verfütterte, wenn er für sie kein Futter fand. Dies ist hier dargestellt. Im Gedicht von Hans Sachs heißt der dazugehörige Vers: 'Mein Frau, die hilft mir treulich nähren ...' 


Pelikanwagen

Der Gegenvers dazu lautet: 'Thut mir auch oft das Mein verzehren'. Jenseit des marmornen Früchtekranzes besteht der entsprechende Wagen aus einem Vielfraß, welcher sich einen in Marmor ausgeführten Hecht fängt. Drinnen sitzt eine dicke Frau, die ihren und den Kuchen ihres Mannes aufisst. Der Streit um das Geld ist gemeint.

Vielfraßwagen

Detail

Der letzte Wagen dieser Serie ist eine Venusmuschel. Aus ihr tritt seine Frau als Geliebte und Aphrodite. In der Muschel kniet aber außerdem ihr Ehemann, ein Musiker und ein Trompeter, der die Schönheit seiner Frau dem Publikum anpreist. Die Venusmuschel wird so zur Schaubude und somit wiederum dem Milieu der Kirmes angeglichen. Im Gedicht sagt Hans Sachs: 'Mein Frau ist meine Zier und Lust'. Die schöne Frau ist also die Zier des Mannes, mit der er sich brüstet."


Das Gedicht schließlich ist in das große Herz mit seiner gespannt-gewölbten Oberfläche eingehauen. Statt der Blutgefäße wächst ein Feigenbäumchen heraus.In der  ersten Strophe des Gedichts heißt es :"Sie hat mir nit stets kochet Feigen"

auf dem Pflaster vor dem Brunnen


Feigenbusch als Blutgefäß

Die Bronzeplastiken sind von Weber noch mit Ölfarbe lasierend bemalt worden - Eine Kirchweih ist bunt - In der Stadtluft wird es zu lange dauern bis Grünspan entsteht ...

Es ist keine Farbe mehr zu sehen ...

Die Feuervergoldung wird aber länger halten. Auch durch  die Marmorteile wird der dunkle Brunnen aufgehellt ....


15.10.26

Vorgeschichte des Ehebrunnens am Ludwigsplatz in Nürnberg

Ehebrunnen ohne Wasser

Seit 1967 wurde in Nürnberg an einer U-Bahn gebaut. Erst ging es in Langwasser los und 1972 wurde der erste Abschnitt dort eröffnet. Bis 1975 wurde der Aufseßplatz als Endstation erreicht. 

Zwischen 1973 und 1978 wurde mit riesigem Aufwand die Altstadt zwischen Hauptbahnhof und Plärrer zur U-Bahn Baustelle ….Die Bahnhöfe Hauptbahnhof, Lorenzkirche und Weißer Turm wurden 1978 eröffnet.

(https://www.nahverkehr-franken.de/ubahn/geschichte_ubahn.html)

Und dabei kommt nun die Entstehung des Ehebrunnens bzw. Ehekarussels ins Spiel. Vor dem Krieg sah es in der Umgebung des Weißen Turms so aus:

der Ludwigsplatz

Vor dem Bau der U-Bahn fuhr dort auch noch die Straßenbahn durch die Altstadt:

mit Straßenbahnschienen

Und Mitte der 70er Jahre entstand dort dann eine große Grube für den Bau der U-Bahn Station „Weißer Turm“. Der Turm selbst musste damals durch einen Betonsockel und Stützen abgesichert werden.


Parallel zum U-Bahn Bau unter der Altstadt hat die Stadtplanung unter Leitung von Stadtbaumeister Görl die Erweiterung der Fußgängerzone in die Wege geleitet. Unter seinem Vorgänger des Baureferenten Schmeißner wurde das erste Teilstück der Fußgängerzone schon 1962 in der Pfannenschmiedsgasse für 200 Meter (!) realisiert und 1966 auf die Breite Gasse ausgeweitet . (Im Juli 66 hab ich als Schüler in der Breiten Gasse noch Autos gezählt – jährliche Verkehrszählung als Schülerjob).

noch mit Autoverkehr

ab 1966 Fußgängerzone

1970 war die Breite Gasse dann auf einem Niveau gepflastert.


1972 schließlich waren Karolinenstraße , Kaiserstraße und ein großer Teil der Königstrasse Fußgängerzone. Die Straßenbahn fuhr dort noch. Im Untergrund wurde im Schildvortrieb die U-Bahn Trasse erweitert. Für den Bau der Stationen gab es Baugruben …


1972 Sperrung an der Lorenzkirche

Das hab ich damals so nicht mitbekommen - jedenfalls fehlt mir die Erinnerung ....

Nach Fertigstellung der Station „Weißer Turm“ wird auf dem Ludwigsplatz ein Entlüftungsschacht im Durchmesser von 6 m vorhanden sein. Ein offener Wettbewerb zur künstlerischen Gestaltung oder Abdeckung war ergebnislos gelaufen. Der Baureferent Görl ließ 1977 bei dem Bildhauer Jürgen Weber anfragen, ob er sich eine Lösung vorstellen könnte. Auflage: Die Thematik sollte etwas mit der Stadt Nürnberg zu tun haben.

Weber machte sich Gedanken und stieß auf das Gedicht von Hans Sachs:


„Das bittersüß eheliche Leben“ 

Gott sei gelobet und geehrt
Der mir ein frumb Weib hat beschert
Mir der ich zwei und zweinzig Jahr
Gehaust hab, Gott gab länger gar
Wiewohl sich in mein ehlig Leben
Had Süß und Saures oft begeben
Gar wohl gemischt von Freud und Leid,
Erst auf, dann ab, ohn Unterscheid
Sie hat mir nit stets kochet Feigen
Will schwankweis Dir ein Teil anzeigen.

Sie ist ein Himmel meiner Seel
Sie ist auch oft mein Pein und Hell,
Sie ist mein Engel auserkoren,
Ist oft mein Fegeteufel woren.
Sie ist mein Wünschelrut und Segen
Ist oft mein Schauer und Platzregen
Sie ist mein Mai und Rosenhag,
Ist oft mein Blitz und Donnerschlag.

Mein Frau ist oft mein Schimpf und Scherz,
Ist oft mein Jammer, Angst und Schmerz,
Sie ist mein Wonn und Augenweid,
Ist oft mein Traurn und Herzeleid
Sie ist mein Freiheit und mein Wahl,
Ist oft mein Gefängnis und Notstall,
Sie ist meine Hoffnung und mein Trost,
Ist oft mein Zweifel, Hitz und Frost.

Mein Frau ist meine Zier und Lust,
Ist oft mein Graun und Suppenwust,
Ist oft mein königlicher Saal,
Doch auch mein Krankheit und Spital.
Mein Frau, die hilft mir treulich nähren,
Thut mir auch oft das Mein verzehren.

Mein Frau, die ist mein Schild und Schutz,
Ist oft mein Frevel, Stolz und Trutz.
Sie ist mein Fried und Einigkeit,
Und oft mein täglich Hebensstreit
Sie ist mein Fürsprech und Erlediger,
Ist oft mein Ankläger und Prediger.

Mein Frau ist mein getreuer Freund,
Oft worden auch mein größter Feind,
Mein Frau ist mietsam oft und gütig,
Sie ist auch zornig oft und wütig.

Sie ist mein Tugend und mein Laster,
Sie ist mein Wund und auch mein Pflaster,
Sie ist meines Herzens Aufenthalt,
Und machet mich doch grau und alt.

Schimpf = Spaß, 2) Poch = Stolz, 3) Hebenstreit = Streitanheber 4) mietsam = friedfertig

Nach Aussage von Weber hatte auch er einige Schwierigkeiten in der Ehe mit seiner zweiten Frau . Er machte sich an den Entwurf eines Ehekarussells anlehnend an das Gedicht. 

Karussell weil für ihn der kreisförmige Umfang des Schachts und die ständige Wiederholungen von Ehezuständen im Gedicht die Verlagerung des Ehelebens auf den Rummelplatz für ihn als Idee naheliegend war. 

Er beschränkte sich auf 6 Karussellwagen die bildhafte Deutungsmöglichkeiten zulassen sollten. Von der Gestaltung her sollte es ein Brunnen sein, der also Szenen einer Ehe darstellt inmitten einer Komposition aus Menschen, Tieren, Pflanzen und Früchten, aus Felsen, Muscheln, Feuer und Wasser. Jedem der Wagen wurde von ihm ein halbkreisförmiges Wasserbecken zugeordnet, was zu einer Blütenform oder auch Rosette führte. Da das Gedicht ausgewogen ist – auf jeden positiven Satz folgt ein negativer. So ist es dann auch in diesem Karussellentwurf.

Kompositorisch sind dann im Modell noch zugeordnet ein tanzender Hans Sachs auf einer phallusähnlichen Säule, daneben ein Ehefelsen mit springenden Bock und Brunnennymphe als Symbole des Liebestriebs , gegenüber eine Rosensäule …

Schema des Aufbaus

7 Jahre arbeitete Weber unterstützt von seiner Frau und einem Mitarbeiter an der Realisierung des Auftrags der Stadt Nürnberg. Vorentwurf im Maßstab 1:20 in Gips, Entwurf 1:10 in Ton und Gips, Modelle der Wagen in 1:5 in Gips, Modelle in 1:1 als Hohlform. Zersägen der 1:1 Modelle der "Karussellwagen in 40-60-Stücke, überarbeiten der Einzelstücke in Gips und Lieferung an die Gießerei Herbich in Müchen. Dort Wachsgüsse und wieder Überarbeitung, Bronzeguss der Einzelstücke im Wachsausschmelzverfahren. Zusammenschweißen von Einzelstücken. Also mehrmals der Wechsel von Positiv- zu Negativ- zu Positivformen mit immer neuen , feineren Überarbeitungen. Von 1982 dann noch die Arbeiten am Marmor für die vorgesehenen Plastiken. Ein Aufwand der natürlich nicht nur Zeit, sondern auch finanzielle Mittel bedurfte : Über 2 Millionen DM wurden bezahlt.

Ich habe mir seine Veröffentlichung über die Arbeit antiquarisch besorgt und werde im nächsten Blog auf Details des Brunnens eingehen ....

erschienen im Verlag Edelmann

Die Fontänen im Brunnen sind wegen der Haushaltssperre schon seit September stillgelegt ...








17.09.26

Gary Snyder (96 Jahre ?)

 Ja, er scheint noch zu leben: Gary Snyder . Auf ihn bin ich gekommen, durch meine wiederholte Beschäftigung mit dem Buch "Gammler, Zen und hohe Berge" von Kerouac. Momentan lese ich  Essays von ihm unter dem Titel "Lektionen der Wildnis" . Interessant. 

Bei Deutschlandradio gab es eine Porträtsendung unter dem Titel : Kann Lyrik die Welt retten? Die Sendung kann man nicht mehr abhören, aber das Manuskript kann man sich herunterladen.   Hier einige Passagen ...

2014
Im ersten Kapitel des Buchs " Lektionen der Wildnis" wird  der Versuch unternommen die Bedeutung des Wortes WILD im Englischen zu beschreiben: 

Wenn wir uns zum Beispiel die typische amerikanische Redewendung „wild and free“ ansehen, verbinden das die meisten Menschen mit spontan, undiszipliniert, frei, vielleicht sogar undiszipliniert gefährlich. Und es impliziert sexuelle Promiskuität, Drogen- und Alkoholmissbrauch oder Abneigung und Rebellion gegen Elternhaus oder die Regierung. Das ist eine Bedeutung von WILD, die sehr verbreitet ist.
Untersucht man andererseits das Ganze in Bezug auf die Natur, beschreibt es einfach Organismen, Pflanzen zum Beispiel, oder Tiere, Schafe, Ziegen, Pferde oder Löwen, die sich selbst versorgen. Sie sind unabhängig, sie sind tatsächlich frei, obwohl sie natürlich auch den Gesetzen der Natur unterworfen sind.  
Was für mein Schreiben und Denken wichtig ist: deutlich zu machen, dass das Wort WILD im tieferen Sinne eine Art Ordnung, eine Gesetzmäßigkeit in der Natur meint und nicht eine Form von Verrücktheit oder Verantwortungslosigkeit, als die es oft gedeutet wird, sondern dass es eigentlich einen Prozess beschreibt.
Der WILDE Prozess in der Natur ist der sich entfaltende Prozess von ökologischer Dynamik, von möglicher biologischer Evolution ohne Fremdeinwirkung. Die unberührte Wildnis ist ein Ort, wo dieser Ablauf fast vollkommen ungestört vonstatten geht, und das dominiert die Bedeutung dieses Begriffes.  

Das zweitwichtigste Wort in meinem Buch-Titel hier ist Praxis, die Methode des Wilden. Wie können wir die Art und Weise verstehen, in der das Phänomen der Wildheit in der menschlichen Kulturgeschichte wirkt und gewirkt hat, in der hochzivilisierten und der vor-zivilisatorischen Welt, und wie können wir uns dieses Wissen zunutze machen? Also beschäftige ich mich im nächsten Schritt mit der Frage: Was ist das Wesen oder die Natur der Kunst?
Der französische Anthropologe Claude Levi-Strauss sagte einmal, dass nach seiner Vorstellung die Kunst in der modernen Welt eine Art kleiner Nationalpark der Wildheit sei, einer Wildheit des Geistes, aber in einem sehr positiven Sinne. Die Wildheit der Phantasie ist ein sehr interessantes Konzept, und meiner Ansicht nach ist auch die Sprache im Grunde genommen ein wildes Phänomen, ebenso wie das menschliche Bewusstsein ein wildes Phänomen ist, das sich jeder staatlichen Kontrolle entzieht. Den Geist kann man nicht kontrollieren. Unser Geist ist wild, er bestimmt über sich selbst und entscheidet, wohin er geht und wir müssen lernen, wie wir ihm folgen können.  

Dann erzählt er in dem Porträt recht ausführlich von seinem Werdegang: Die Zeit der wirtschaftlichen Depression in den 30er Jahren, das einfache Leben auf einer kleinen Farm in Kalifornien, die gute Highschool Ausbildung, das Bergsteigen seit dem 15.Lebensjahr,  die Kurse in Chinesisch und Japanisch in Berkeley, das Kennenlernen der Beatnicks, der Aufenthalt in Japan auch als Mönch . Von seinen Erfahrungen teilt er mit:

Meditation ist kein Mysterium, es ist etwas, das jeder kennt und jeder tut, in ihrer einfachsten Form bedeutet es, sich auf seinen eigenen Geist zu konzentrieren und - zumindest zeitweise - keine Musik zu hören, mit niemandem zu reden, nichts zu lesen, sondern nachzudenken, zu reflektieren, bei seinem eigenen Bewusstsein zu sein, in Gesellschaft seiner Gedanken, das wäre also Reflektion und Einkehr. Und wenn man dann einen Schritt weitergeht...... Ein Buddhist, für den Meditation ein wesentliches Element ist, würde sagen, Meditation heißt, sich nicht von seinem Verstand leiten zu lassen. Beobachte dein Bewusstsein, deine Ideen, Gefühle, Impulse, wie sie aufsteigen und verschwinden, erst erscheinen und sich dann verlieren.  
Halte sie nicht fest! Fühle etwas aufkommen und sage: Oh ja, das hat mich geärgert, aber lass dich nicht darauf ein, sondern lass los, sage, okay, das hätte ich nicht tun sollen, das habe ich vermasselt, aber vergebe dir und gehe weiter und im Idealfall erreichst du den Punkt, wo dein Geist sich dann frei bewegen kann, sich selbst überlassen ist. Aber schlafe nicht ein dabei oder verliere dich in Phantasien. All das wird passieren, wenn du meditierst, aber durch die Meditation lernst du all die Fluchtwege deines Geistes kennen und du verstehst und lernst zu schätzen, was Bewusstsein bedeutet.

Und das ist natürlich interessant: Was ist es, dass wir am meisten schätzen im Leben? Am Leben zu sein. Und was bedeutet es uns, am Leben zu sein? Es bedeutet zu spüren, dass du du selbst bist und dass du Entscheidungen triffst, dass du deine Welt kennst und all dieses Wissen in dir hast und das ist was ganz Besonderes und du bist du und das ist es, was das Leben ausmacht. Also meditiere darüber, wenn dich dein Leben interessiert, schenke deinem Leben ein wenig Aufmerksamkeit: Was fühlst du, was denkst du wirklich? Was treibt dich um und wovon bist du frei? 
Was Menschen durch Meditation gewinnen können, ist, den Fluss zu verstehen, die Wandlung von Gedanken, Gefühlen, ein wenig davon losgelöst sein zu können und auch nicht zu sehr zu werten. Seine eigene Geschichte nicht zu sehr zu beurteilen. Im Buddhismus heißt es: Wenn du erkannt hast, dass du einen schrecklichen Fehler gemacht hast, erkenne das eben einfach und mache weiter. Aber wiederhole den Fehler nicht! (lacht)... 
 
 Er hat sich auch sehr mit Sprache beschäftigt und gibt einige Beispiele ...Und wieder geht es auch um das WILDE:
Der wilde Bereich des Geistes ist eine andere Bezeichnung für die Weite und Tiefe des Territoriums, in dem sich das Bewusstsein bewegt, und der enge Bereich des Geistes entspricht dem Teil, den wir zu disziplinieren versuchen, zu kontrollieren und zu trainieren. So wie wir in der Landwirtschaft den Boden kultivieren, ihn dazu bringen, anstelle von verschiedenen wilden Pflanzen Erbsen und Mais und Kohl wachsen zu lassen, so trainieren wir unseren Geist, indem wir ihn disziplinieren oder kultivieren, die Sprache der Wissenschaft, der Buchhaltung, des Gesetzes oder der Medizin zu erlernen. Der wilde Bereich des Geistes geht in seiner Komplexität natürlich weit darüber hinaus.
Um wirklich frei sein zu können, braucht man gute Manieren. Damit meine ich nicht die Etiquette, sondern eine andere Form von Respekt und Erkenntlichkeit dem Universum gegenüber. Ein Gefühl von Dankbarkeit für all die Dinge, die möglich sind in dieser merkwürdigen Welt, in der wir leben, in der wir gedeihen, bis wir sterben, was wir auch genießen und respektieren sollten. Und es es wäre gut, wenn wir dieses Universum mit dem gebührenden Respekt gegenüber allen Wesen und Phänomenen, die ihm innewohnen, durchschreiten, mit Dankbarkeit und Humor und Anerkennung. Das ist angemessen.  

Das Porträt beim Deutschlandfunk dieses weisen Mannes ist noch viel umfangreicher und kann hier nur im Auszug widergegeben werden. Er hat auf seine Art überlebt weil er am Rand der Wälder seit längerer Zeit mit anderen in einer Gemeinschaft lebt. Das hat er z.B. in einem Gedicht aufgeschrieben (hier in der Übersetzung). Es wird auch auf den 3.Golfkrieg der Amerikaner 2003 verwiesen.

Wir begannen unser Haus zu bauen, inmitten der Kulturrevolution 

Den Vietnamkrieg, Kambodscha in den Ohren Tränengas

 in Berkeley

 Jungen in Overalls, mit Angst in den Augen, langem, verfilzten Haar, rannten vor der Polizei weg 

Wir schälten Bäume, bohrten Löcher in Steine hoben Gruben aus, badeten zusammen im Schweiß

 Als das Haus fertig war, machten wir weiter 

Bauten ein Schulhaus mit einhundert Schubkarren hielten beim Essen Seminare über kalifornische Paläo-Indianer 

Wir löteten die Gestalt der Figur „Wu“ aus der Chou-Dynastie auf die geschmiedeten Bögen unter der Decke 

Vergruben einen fünfspeichigen Vajra zwischen den Schulgebäuden und dabei beteten wir und opferten Tabak

 Diese Gebäude wurden durch ein Feuer zerstört, eine blasse Kopie von der Versicherung nachgebaut 

Zehn Jahre später versammelten wir uns am Rande einer Wiese 

Die Kulturrevolution ist vorbei, das Haar ist kurz 

Die Industrie hat das Sagen in den Wäldern des Volkes 

Alleinerziehende Mütter gehen zurück zur Universität um Anwälte zu werden

 Ins Muschelhorn stoßend, die Ringe des Priesterstabes schüttelnd 

Begannen wir mit dem Bau einer Halle 

Vierzig Leute, Schreinerinnen, Kinderarbeit, Nägel einschlagen 

Die Cortenstahl-Bedachung festschrauben, und die Balken mit dem Hobel bearbeiten 

Das Gebäude ist in 3 Wochen fertig

 Wir füllen es mit Blumen und Freunden und eröffnen es. 

Jetzt, im Jahr des Persischen Golfs, 

der Lügen und Verbrechen der Regierung, die als Tugenden verkauft werden geht dieser Tanz mit der Materie weiter: 

unsere Gebäude stehen fest, zum Leben, Lehren, Sitzen, den Klang der Glocke zu erkennen 

Das ist Geschichte. Das ist außerhalb von Geschichte. 

Gebäude werden im Moment gebaut, sie werden fortwährend getränkt von dem See, der alle Dinge, nackt und glänzend erneuert

 Der Mond bewegt sich durch seine achtundzwanzig Tage 

Nasse und trockene Jahre vergehen 

Scharfes Werkzeug, guter Entwurf.  

 

13.07.26

Heupferd

 Letzthin waren zwei in der Wohnung. Anlass für mich nun etwas mehr über dieses phantastische Insekt zu erfahren. Normalerweise sind sie ja nicht so leicht zu entdecken oder hüpfen schnell davon.


Eine schöne Seite vom Nabu gibt es hier. Ein Naturphotograph bietet hier schöne Bildfolgen. Das Heupferd ist bei uns die größte Schrecke. Ich fing sie damals ein und ließ sie davonfliegen.


Die Männchen "singen" um Weibchen anzulocken. Das funktioniert so:
Wie die meisten anderen Langfühlerschrecken auch, erzeugt es die Töne mit den Flügeln: Die Vorderflügel werden gegeneinander bewegt, wobei die erhabene Schrillleiste mit winzigen Zähnchen (A) auf der Unterseite des linken Flügels über die harte Schrillkante (B) des rechten Flügels gestrichen wird. Ungefähr so, als würde man mit einem Kamm über eine Tischkante fahren. Beide Vorderflügel besitzen noch einen Gesangsverstärker: Der sogenannte Spiegel (C) ist ein kleines Feld, das mit einer Membran bespannt ist. Beim Singen gerät die Membran in Schwingung und der Spiegel wirkt als Resonanzkörper, wie der Korpus einer Gitarre. Der Spiegel des rechten Flügels verstärkt den Ton dabei deutlich besser als der des linken Flügels, welcher mit Adern durchzogen ist (siehe Foto) und daher weniger gut schwingt. 


Das „Ohr“, um das Ständchen der Sänger hören zu können (das sogenannte Tympanalorgan), verbirgt sich bei den Heupferden, wie bei den meisten Langfühlerschrecken, unterhalb des Knies an beiden Vorderbeinen und ist in Form von jeweils zwei spaltförmigen Öffnungen (D) erkennbar – wenn man ganz genau hinschaut!  


Paarung

Eingeleitet wird die Paarung durch die Männchen-Gesänge, auf die die Weibchen unterschiedlich reagieren:

    Paarungsbereite Weibchen der Langfühlerschrecken (Ensifera)lassen sich von den Gesängen der Männchen anlocken und besteigen diese schließlich. Je nach Art bleiben die Männchen unter ihrer Partnerin, oder sie ändern ihre Position, indem sie sich z.B. nach hinten wegdrehen oder sich gar auf den Kopf stellen. Der Partner ergreift dann mit einem Paar feiner Dornen am Hinterleibsende (den sog. Cerci) das Hinterleibsende der Partnerin, sondert eine weißliche gallertartige Spermatophore ab und klebt diese an die weibliche Genitalöffnung. Daraufhin trennt sich das Paar wieder – die Paarung dauert hier nur wenige Minuten.
    Gleich nach der Trennung beginnt das Weibchen, die Gallerte aufzufressen, was mehrere Stunden dauern kann. Währenddessen wandern die Spermien die Spermien aus dem Inneren der Gallerte in die Genitalöffnung des Weibchens und befruchten dessen Eier.

weibliches Heupferd

Eiablage

Wenige Tage nach der Paarung beginnt die Eiablage.

Das Weibchen versenkt seine Eier im Erdreich oder in oberirdischen Medien wie etwa rissiger Baumrinde, Pflanzenstengeln oder Blättern
Die Weibchen der Langfühlerschrecken bohren ihre auffällig lange Legeröhre ins jeweilige Nestsubstrat und legen ihre Eier einzeln oder in kleinen Gruppen .Die Eier der meisten Arten überwintern, so dass die nächste Generation erst im nächsten Frühjahr erscheint.



Larvalentwicklung

Die Larven schlüpfen erst nach der Winterruhe im Frühjahr – Das für Insekten so Erstaunliche ist, dass die Larven bereits im ersten Stadium den späteren erwachsenen Heuschrecken ähneln.

Die Flügelanlagen sind zunächst winzig klein und erst in den letzten beiden Stadien deutlich als lappenförmige Gebilde deutlich zu erkennen. Die hinteren Flügel sind hier zwar schon ausgebreitet, aber über die vorderen geklappt, und beide (Vorder- und Hinterflügel) liegen oft etwas versetzt nebeneinander.

Der lange Legebohrer der Laubschrecken entwickelt sich ähnlich den Flügeln und parallel zu den Larvalstadien.

Die einzelnen Stadien werden nicht annäherungsweise anhand ihrer Größen, sondern präzise durch regelmäßige Ereignisse unterschieden, nämlich die Häutungen zwischen ihnen. Während sich der Hinterleib im Zuge des Wachstums durch Dehnung der Häute zwischen seinen Segmenten ständig vergrößert, bleiben die vorderen beiden Abschnitte des Heuschreckenkörpers zwischen den Häutungen gleichgroß und vergrößern sich erst während einer Häutung. Die Haut wird nicht in Teilen abgestreift, vielmehr verlässt die Larve die vollständige alte Hülle.

Häutung

Die meisten Arten der Schrecken können in Eiform sogar den Winter überdauern, bevor sie sich im Frühjahr in das nächste Stadium weiterentwickeln. Grillen sind bereits im Mai oder Juni ausgewachsen, andere Heuschreckenarten erst im Sommer. Bei manchen Arten wie dem Grünen Heupferd kann die Entwicklung sogar mehrere Jahre dauern. 



Videos: Das grüne Heupferd in 60 sec (kurze Übersicht)






09.06.26

Käfigkampf

 


Ellbogen treffen auf Nasenbeine, Fäuste prasseln auf Gegner nieder, die schon am Boden liegen: US-Präsident Donald Trump feiert seinen 80. Geburtstag mit Käfigkämpfen vorm Weißen Haus.

Ein Kommentar bei NDR Kultur sagt für mich eigentlich alles . 

Die Frankfurter Allgemeine fasst zusammen: Ein Bild für den Niedergang des Westens: Donald Trump feiert Geburtstag wie die römischen Kaiser. Mit Gladiatorenkämpfen in einem überdimensionierten Käfig vor dem Regierungssitz.

Das Weiße Haus ist nicht wiederzuerkennen: Erste Pressebilder zeigen, wie dort gerade eine Arena entsteht, in der am 14. Juni, zum 80. Geburtstag von Donald Trump, eine große Kampfsportveranstaltung mit 5000 Zuschauern stattfinden soll. Trump ist großer Fan der brutalen Mixed-Martial-Arts-Kämpfe der Kampfsportliga Ultimate Fighting Championship. Zum Geburtstag des Präsidenten wird also programmatisch Blut spritzen vor dem Weißen Haus.

Dessen klassizistische Architektur mit der harmonischen Tempelfront stand traditionell für den Anspruch Amerikas, sich an den humanistischen Werten der Antike und Renaissance zu orientieren. Die für den Geburtstag des Princeps aufgestellte Käfigkampf-Arena ist ein sprechendes Bild für den Untergang der alten westlichen Welt und für ein neues Amerika, das sich an einer dunkleren und gewalttätigeren Antike orientiert: Trump feiert Geburtstag, wie es die römischen Kaiser taten – mit Gladiatorenkämpfen.

Im Podcast der "Trump Effekt"  wird auf die momentane Gemengelage mit ZDF-Sonderkorrespondentin Katrin Eigendorf, Brüssel-Korrespondent Ulf Röller und Washington-Studioleiter Elmar Theveßen etwas länger eingegangen (57 Min) ...