01.02.26

Das SS-Grab Teil 3

2008 hab ich also die Grabstelle entdeckt. In jenem Jahr feierte Offenhausen das 950 jährige Jubiläum. Dazu hat der damalige Heimatpfleger Robert Giersch eine umfassende Chronik erstellt , die ich mir kaufte. Auf S. 150 ist nur kurz die Inhaftierung und die Erschießung der 3 SS-Angehörigen erwähnt. In einem Briefwechsel erwähnte er dann, dass im Gemeindearchiv Unterlagen zu der völkischen Organisation Dichterstein aus dem österreichischen Offenhausen waren. Ein Ergebnis einer Partnerschaft ?

Ich habe dann nachgesehen was es denn mit diesem Dichterstein auf sich hat. Von einer Antifa-Seite:

Seit 1963 gibt sich alljährlich, Ende April / Anfang Mai, in der kleinen Marktgemeinde Offenhausen bei Wels die "kulturelle Elite" der deutschen und österreichischen Alt- und Neonazis ein "Stelldichein". Ziel ihrer Wallfahrt ist eine auf einem Hügel über Offenhausen gelegene "Gedenkstätte", der "Dichterstein Offenhausen". In die Ziegelsteine des von 1963 bis 1968 errichteten Monuments sind die Namen von über 400 garantiert reinrassigen Dichterfürsten eingemauert. An den Stufen zum Tor sind Schlagworte wie "Deutsches Volkstum", "Tapferkeit", "Einsatzfreude", "Ahnenehrung", "Muttertum", "Heimat", "Gefolgschaftstreue" zu lesen, und über dem Tor: "Wer den Geist verrät, verrät sein Volk".

2023
Dazu auch Wiki  und Gutachten 

Hier hätte ich versuchen müssen, bei der Gemeinde zu recherchieren wie es denn mit den Unterlagen aussieht, die laut Giersch von einer ABM Kraft geordnet worden sind.

Der weitere Briefverkehr 2009 (hier einsehbar)

Fehler war wahrscheinlich schon, dass ich geäußert habe, meine Recherchen zu veröffentlichen und die Angabe meiner damaligen Blogadresse

Von der Ortsvorsitzenden der SPD bekam ich dann einen netten Anruf. Sie kenne das Grab nicht und werde es sich ansehen. Im Gespräch bat sie auch darum, von einer Veröffentlichung abzusehen. Was ich dann auch im Verlauf meiner Recherchen längere Zeit tat. Außerdem war ich damals nicht so oft unterwegs gewesen, da ich die Mutter im Pflegeheim öfter besuchen musste.

Als ich dann 2014 sah, dass das Grab von Grund auf erneuert war, bin ich erneut tätig geworden.

2014

Über Herrn Giersch konnte ich den Zeitzeugen Herrn Frauenknecht ausfindig machen und interviewen .

Über die neue Pfarrerin in Offenhausen, Frau Meister-Hechtel , wollte ich erfahren: Wer hat veranlasst, dass das Grab so erneuert wurde ? Wer hat die Erneuerung bezahlt ? Gibt es in den Kirchenbüchern Hinweise auf die Bestattung der 3 SS Männer ?

Das Landbauamt Erlangen hat renoviert. Es gab eine Rechnung (die Kirchen müssen einen geringen Anteil der Baulast übernehmen). Die ist aber verschwunden. Für das Grab soll es Unterlagen geben, die aber nicht mehr auffindbar sind.

Die Pfarrerin hatte aber jetzt schon in der Gemeinde einige Schwierigkeiten. Deshalb wandte ich mich nun direkt an den Dekan Dr.Thiesen. Ich forderte dazu auf , das Birkenkreuz mit den Helmen zu beseitigen, die SS-Runen zu tilgen und vielleicht eine Tafel aufzustellen auf der die Ereignisse 1945 erklärt werden. Die Landeskirche schien sich bald auch mit der Sache zu beschäftigen.

Ein Teil des Briefverkehrs ist hier zu sehen, mails und Telefonate sind nicht dokumentiert worden

Das Ganze zog sich aber hin und ich informierte die Presse. (Vielleicht zu voreilig !)

In Offenhausen hinterließ ich am 15.4. 2015 an der Kirche und am Schwarzen Brett der Gemeinde folgendes Statement:

Aufklärung tut Not !

Stellungnahme zum SS-Grab auf dem kirchlichen Friedhof Offenhausen

Auf dem kirchlichen Friedhof der Gemeinde Offenhausen liegen drei junge, verblendete SS-Angehörige. Sie wurden zuerst mit anderen Kriegsgefangenen von amerikanischen Truppen im Schulhaus Offenhausen festgehalten. Am 21. April 1945 wurden sie von den übrigen Gefangenen getrennt und gegenüber Schrotsdorf oben am Wald erschossen. Nach Kriegsrecht ein Verbrechen. Nach Angaben eines Mitgefangenen sollen sie in ihrem Gefängnis herausfordernde Reden geführt haben, die ein Deutsch sprechender Amerikaner mitgehört hat (Hersbrucker Land in schlimmer Zeit S.51).

Alle drei sind im gleichgeschalteten Nationalsozialismus aufgewachsen. Zum Beispiel: Ernst Kunstmann (13.08.1925 in Erlangen) trat nach seiner HJ-Dienstzeit (01.04.1935-15.03.1943) am 15.03.1943 in die Waffen-SS ein und diente dort zunächst im SS-Nachrichten-Ersatz-Regiment in Nürnberg. Am 13.06.1943 wurde er zur 1./SS-Infanterie-Brigade versetzt; Dienstgrad: SS-Funker. Die Waffen-SS war die "Weltanschauungsarmee" des Nationalsozialismus. Sie unterstand direkt dem "Reichsführer SS" (RFSS) Heinrich Himmler und bestand aus Kampfverbänden und den Wachmannschaften der KZs. Bei der Ausbildung wurde auf Fanatismus im NS-Sinn großer Wert gelegt.

Völkisch-nationale Kreise in Offenhausen haben diesen jungen Menschen hier ein Ehrengrab errichtet, das sie zu Helden stilisiert. Dieses : "es ist süß und ehrenvoll fürs Vaterland zu sterben" geht vollkommen an der Realität der letzten Kriegstage im April 1945 vorbei ! Als hätten die Verantwortlichen noch nie diesen phantastischen Film "Die Brücke" gesehen... Nach nun 70 Jahren sollte man bereit sein, sich dieser Geschichte zu stellen.

1945 waren die Alliierten auf dem Vormarsch und die Zivilbevölkerung "bar aller Waffen" musste noch viel durchmachen und für die Erklärung des totalen Kriegs im Februar 1943 büßen. Die ersten Konzentrationslager waren zwar schon befreit, aber gerade im "braunen Franken" wurde unsinniger Widerstand geleistet. Hier waren besonders SS-Einheiten beteiligt, die durch sinnlose Scharmützel immer wieder massive Angriffe amerikanischer Panzer und Flieger auf Ortschaften der Umgebung provozierten. Auch bei der Auflösung des KZ Hersbruck-Happurg waren sie als Bewacher bei den Todesmärschen und der Absicherung des Weges führend beteiligt. Gegen die kriegsmüde eigene Bevölkerung konnte man den "Flaggenbefehl" einsetzen: Jeder, der die weiße Fahne der Aufgabe hisste, konnte ohne Gerichtsurteil erschossen werden.

Nicht alle Mitglieder dieser verbrecherischen Organisation SS waren direkt an Gräueltaten beteiligt. Aber sie wussten was geschah ! Unsere drei jungen, verblendeten Männer waren auf dem Weg nach Lauterhofen. Wahrscheinlich um Anschluss an ihre Kameraden zu finden, die mit KZ Insassen zu Fuß unterwegs nach Dachau waren.Ob sie an die glorreiche Errichtung einer Alpenfestung glaubten, wissen wir nicht.

Man sollte aber wissen, dass gerade am 20./21. April 1945 das geleerte KZ Hersbruck und die Verbrennungsplätze in Förrenbach und Schupf von den Amerikanern entdeckt wurden.

Man sollte auch wissen, dass man in Hersbruck und Umgebung lange sich nicht dieser schrecklichen Vergangenheit stellte.

Nicht zu akzeptieren ist, dass man das Schicksal dieser armen jungen Männer dazu benutzt hat, ihren Tod als Heldentat zu stilisieren. Man muss sich nun schon fragen, welche Geisteshaltung hinter dieser Geschichtsklitterung steckt.

Ein Skandal ist es, dass man dieses Grab mit erheblichen staatlichen Baulastmitteln renoviert hat und es Kritikern als zeitgeschichtliches Denkmal darstellen will.

gez. Schermann // Fürth (Geburtsort Hersbruck)

Notiz vom 18.4.15:Parallel zu meiner Aktion in Offenhausen fand eine bemerkenswerte Sitzung Dekanat / Kirche / Soldatenverein / Bürgermeister statt!(Kein Runder Tisch, denn dann hätt ich schon dabei sein müssen...) Ergebnis: Die Helme kommen weg / die SS-Runen werden beseitigt (Alles schon geschehen). Eine Infotafel zur Erläuterung der Zusammenhänge soll in nächster Zeit aufgestellt werden ...

Hersbrucker Zeitung, evangelischer Pressedienst und Süddeutsche Zeitung berichteten groß (hier einzusehen). Von Quer wurde ich angerufen. Mir war das plötzlich zu viel und ich beteiligte mich nicht an dem Beitrag .Mein Name war nun bekannt.

Und das war der größte Fehler ?

Die Leserbriefe in der HZ zeigen das Spektrum der Meinungen und den Aufruhr.

Von den Rechtsextremisten des 3.Weges gab es auch ein Statement. Hier nur ein kurzer Auszug:

Im heutigen linksversifften Zeitgeist bleibt so das SS-Grab uns Deutschen des Herzens vorerst als ein lebendiges Denkmal völkischer Treue erhalten. Der vom Zaun gebrochene Streit darum zeigt hingegen nur ein Abbild der ganzen Verderbtheit unserer Feinde, in einem vom linken Zeitgeist vergifteten Dasein. Wenn auch das Leben in der Welt vergänglich ist, der Glaube an das wiedererwachende Deutschland ist es nicht. Und wenn die Knochen der Grabschänder von Wunsiedel und Offenhausen schon längst zu Staub zerfallen sind und ihre Namen aufgrund ihres nichtigen Wirkens keiner mehr kennen wird, preisen hingegen noch immer die völkischen Generationen bei unseren jährlichen Heldengedenken die jungen SS-Angehörigen Ernst Kaufmann, Günter Sperling und Rudi Gossanner. Sie heben die Buben der Waffen-SS so immer wieder aufs Neue zu Unsterblichen unseres deutschen Volkes empor.

Am 2.5.15 notierte ichSeltsam, seit jene Zeitungsartikel über Offenhausen erschienen sind, wird mein Computersystem attackiert. Trojaner / falsche Website-Aufrufe / Wandernavi Software zerstört ... Es könnte ein Zusammenhang bestehen - muss nicht. Verdächtig ist nur, dass von einigen Kreisen sehr scharf (momentan verbal) in diesem Dorf und Umgebung geschossen wird: Dem wackeren Mann, der die Helme entfernt hat, würde jemand sehr gerne die Hände abschlagen - da läuft es einem eiskalt den Buckel runter ... Man stochert in diesem Sumpf herum und es gibt braune Blasen (die hoffentlich wirkungslos zerplatzen ) …

Ich habe dann meinen BLOG aufgelöst.

Die Pfarrerin hat sich versetzen lassen . Es hat sich leider herausgestellt, dass sie bis jetzt schon mehrere Stellen an verschiedenen Orten besetzt hat und offensichtlich mit keiner glücklich wurde.

Ich war weiter in der Vacher Wandergruppe und kam noch viel herum.

Die Grabsache war für mich erledigt, da die weiteren Entscheidungen die Gemeinde und die Landeskirche zu treffen hatten.

Im Juni 2015 hatte ich noch einen Briefwechsel mit einem Herrn Kugler, der mich sehr sachlich und vernünftig anschrieb.

Soweit – sogut

Und dann kam dieser Septembertag, der die Familie ziemlich durcheinander brachte.

Nicht nur, dass auf dem Haus große Schriftzüge angebracht waren. Im Briefkasten war eine zerquetschte Ratte zu finden und die Reste mit dem Blut am ganzen Hauseingang verschmiert ….




Die Polizei schaltete den Staatsschutz ein. Ob dieses Ereignis dann meine chronische Darmentzündung getriggert hat, kann man vielleicht vermuten. Seit 10 Jahren bin ich nun in Behandlung...

So oder so: Das traumatische Erlebnis ist hiermit nicht ganz bewältigt.

Nachtrag: Auf dieser Internetseite kann man sehen, dass der Spruch noch weiter verbreitet wird obwohl das Grab (2016?) aufgelöst wurde.

Ironie der Geschichte : Am 20.April 45 gab es einen Erschießungsbefehl auch gegen die Zivilbevölkerung, 





08.01.26

Das SS-Grab Teil 2

 Ich suchte also Herrn Frauenknecht (damals schon 85 !) auf und ließ mir einiges erzählen:

Er war im Jungvolk dabei und wurde zum Schluss des Krieges als 15jähriger noch eingezogen. Im April 45 entfernte er sich auf Anraten eines Vorgesetzten von der Truppe (in Altdorf ) in Zivilkleidung und machte sich mit zwei gleichaltrigen auf den Weg in den Heimatort Engelthal. Dort sollte er sich beim Ortsgruppenleiter NS melden und wurde in der Nacht zum 17. April 45 noch eingeteilt mit einer Flinte "Russen" zu bewachen. Nach diesem Dienst legte er sich schlafen und war um ca. 11 Uhr wieder wach. Durch Engelthal zogen einige versprengte Wehrmachtsangehörige zu Fuß Richtung Offenhausen und es kamen auch 3 junge SS-Angehörige (unbewaffnet) vorbei. Der eine hatte sich eine schlimme Blase gelaufen und er verarztete ihn. Sie erkundigten sich nach dem Weg nach Lauterhofen, ließen es sich beschreiben und zogen weiter. Ziemlich bald darauf kamen die Panzer der Amerikaner.

Von der Erschießung der drei am 21.April erfuhr er erst später. Die Stelle der Exekution konnte er genau beschreiben: Der erste Feldweg vor Offenhausen gegenüber von Schrotsdorf oben am Waldrand.

Wann und wie die 3 auf dem Friedhof begraben wurden, wusste er nicht. Neben der jetzigen Grabstelle war ein kanadischer Pilot beerdigt, der bei Breitenbrunn abgestürzt war. Wahrscheinlich in den 60er Jahren, vielleicht auch früher, kam eine alliierte Kommission vorbei, um dessen Umbettung zu veranlassen. Dabei wurde verlangt, dass das nebenliegende SS-Grab aufgelöst wird. Die Gemeinde Offenhausen stellte sich dagegen.

Es sind eine Zeit lang jedes Jahr zum Todestag der 3 auch immer kleine Kränze von der Hilfsgemeinschaft ehemaliger SS-Angehöriger (HIAG) abgelegt worden. Herr Frauenknecht kam einmal vorbei, legte sich mit ihnen an und erzählte, dass er seine Truppe glücklicherweise verlassen hatte. Darauf wurde er als Deserteur beschimpft.

Später erfuhr ich durch den Artikel einer Redakteurin der Hersbrucker Zeitung, dass die Grabstelle im aufgefundenen Zustand erst 1950 von eben dieser Organisation eingerichtet wurde ....

Eine Recherche von Herrn Fritz von der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten ergab nur Daten eines der Getöteten: Ernst Kunstmann (13.08.1925 in Erlangen) trat nach seiner HJ-Dienstzeit (01.04.1935-15.03.1943) am 15.03.1943 in die Waffen-SS ein und diente dort zunächst im SS-Nachrichten-Ersatz-Regiment in Nürnberg. Am 13.06.1943 wurde er zur 1.SS-Infanterie-Brigade versetzt; Dienstgrad: SS-Funker. Spätere Eintragungen, insbesondere auch über einen Dienst in Lager-Wachmannschaften, liegen hier nicht vor. Quellen: SS-Unterführer und Mannschaften(ehem. BDC); SS-Listen (ehem. BDC).

Mich hat dann auch interessiert, ob es in amerikanischen Unterlagen Hinweise auf die beteiligte Truppe im April in Franken gab. Es gibt in Archiven freigegebene Dokumente über den Kriegsverlauf und sogenannte  "After Action Reports". Eine Zusammenfassung meinerseits kann man hier einsehen !

Nur zwei Einträge, welche direkt auf den Erschießungsort hinweisen, konnte ich finden. Seltsam ist der Eintrag mit dem Kreuz (nicht von mir ...)




Auch aus folgender Unterlage ist über die Erschießung nichts zu erfahren. Man erfährt aber, dass die Verbrennungsplätze , das KZ Lager und das Doggerwerk am 21.April entdeckt wurden:



Sehr gut dargestellt wird die Situation am Ende des Krieges rund um Hersbruck in diesem Vortrag. Das Vorgehen der SS, die Auflösung des Lagers und die Evakuierung der Häftlinge ab Anfang April 45 werden erwähnt.

Ich habe auch noch eine Veranstaltung in Lauterhofen im Pfarrheim besucht. Dort haben einige letzte Augenzeugen über die "Todesmärsche" von Hersbruck Richtung Dachau berichtet. Die 3 jungen Männer haben sich in Engelthal ja nach dem Weg nach Lauterhofen erkundigt. Sie wussten wahrscheinlich, dass dort Kameraden unterwegs waren. Über die Berichte von Zeitzeugen gibt es noch 2 Zeitungsartikel.

Ich habe mir auch die Stelle oben im Wald bei Schrotsdorf angesehen. In einigen Buchenstämmen kann man - wenn mich nicht alles täuscht- eingewachsene Kugelspuren von Munition sehen. So weit ich gelesen habe, sind die 3 per Jeep nach dort oben gefahren  und mit dem Maschinengewehr nieder gemetzelt worden. Eindeutig ein Kriegsverbrechen .... 

Dass man dann aber diese armen Kerle nachträglich als Heroen und soldatische Helden in diesem Monument dargestellt hat, fand ich auch den Dreien gegenüber nicht angemessen. Darüber hätte man noch trefflich streiten können. 
Aber in der Entwicklung der Sache hat sich einiges an Ungereimtheiten, Unmut und auch Hass ergeben. Davon dann im nächsten Teil ....

05.01.26

Das SS-Grab Teil 1

 Das SS-Grab auf dem evangelischen Kirchhof in Offenhausen Mittelfranken

Eine schöne Landschaft in der Hersbrucker Schweiz – Hügel, Wälder, kleinräumige Landwirtschaft, hingewürfelte Ortschaften, mäanderte Bäche. Fast könnte man vergessen, dass in dieser Idylle vor 80 Jahren das NS-Regime hier in einem Außenlager des KZ Flossenbürg Häftlinge, ohne Rücksicht auf Verluste, dazu benutzt hat, in einem Berg riesige Tunnels zu graben und auszubetonieren. Hier sollte 1944 / 45 als logistische Einheit eine unterirdische, bombensichere Fabrik für BMW-Flugzeugmotoren entstehen: Das Doggerwerk.

Fast könnte man es vergessen, denn die Mahnmale bei Förrenbach und Schupf für die meist an ansteckenden Krankheiten und Entkräftung verstorbenen Häftlinge liegen recht versteckt. Außerdem sind diese Gedenkstellen nicht mit Namen der Umgekommenen versehen.

Schreckliche Szenen muss es noch bei den sogenannten Todesmärschen Richtung Dachau im April 45 gegeben haben. Erst in den 80-er Jahren beschäftigte man sich mit der Vergangenheit und auch in Hersbruck wurde wenigstens ein Gedenkmal aufgestellt. 

Ein kleiner Verein kümmert sich seitdem darum, dass die Erinnerung bleibt. Am Volkstrauertag  lassen sich auch offizielle Vertreter der Parteien sehen, um Kränze niederzulegen. Ansonsten setzt sich das Moos fest. Und die Leute, welche  den Marsch der Gefangenen vom Lager Hersbruck zur 5 km entfernten Baustelle mitbekommen haben müssen, werden meist schon verstorben sein. 

Erst jetzt hat die Stiftung bayerischer Gedenkstätten bei Happurg und Hersbruck kleine Dokumentationsstätten eingerichtet.

Doch es gab noch ein anderes Gedenken:

Auf dem evangelischen Kirchhof der Gemeinde Offenhausen habe ich 2008 zufällig ein liebevoll gepflegtes Grab entdeckt, das mir sofort ins Auge fiel. Auf den ersten Blick meint man eine Fata Morgana aus dem Feldzug Richtung russische Taiga wahrzunehmen. Es könnte das Titelbild eines kriegsverherrlichenden Landserheftes sein:

Ein Birkenkreuz mit drei Stahlhelmen bewehrt, dazu ein kupfernes „Eisernes Kreuz“ mit der Inschrift „ Sie starben für Deutschland“ montiert. Nichts vermodert, kein Rost, gut verschraubt.

Davor ein großer liegender Stein mit einer Dichtung:

In Deutschlands blutig düstrer Nacht 

gefangen nach verlorener Schlacht

da warfen euch der Waffen bar

auf den entheiligten Altar

verbrecherisch die Feinde nieder.

Wenn unser Herr beim Weltgericht

dereinst die feigen Mörder straft

dann leuchtet euch schon ewiges Licht

denn es ist süß und ehrenhaft

fürs Vaterland zu sterben.


Dann die Namen und Dienstbezeichnungen der Toten:

Drei junge SS-Männer, noch nicht 20 Jahre alt. Dienstbezeichnungen, die auf eine militärische Ausbildung hinwiesen.

Und nun noch das Todes-Datum: 21.4.1945 , also nach dem letzten Geburtstag von Hitler und kurz vor dem offiziellen Kriegsende.

Ich wurde neugierig ! Ermordet ? Exekutiert ? Hingerichtet ? Auf der Flucht erschossen ? Im Hass erschlagen ? In der Kirche etwa, auf dem Friedhof oder anderswo in der Nähe ?

Wo kamen diese SS Leute überhaupt her, was war ihr Auftrag ? Neben dem Grab sind auf einer Tafel in einer Gedenknische die Gefallenen der 2 Weltkriege aufgelistet. Dort sind sie nicht dabei.

Gehörten diese 3 jungen Männer zu den Wachmannschaften des KZ Außenlagers Hersbruck oder zum Doggerwerk bei Happurg ? Waren Sie auf der Flucht oder hatten sie den Auftrag , den Volkssturm auf dem Lande zu mobilisieren ? Sollten sie heroisch die einmarschierenden amerikanischen Truppen aufhalten ?

Wer waren diese jungen Erwachsenen? Verblendete und dumme Jungs, die glaubten sie könnten das Nazireich noch retten ? Überzeugte Anhänger der rassistisch-völkischen Ideologie ? Wie kamen sie zur SS ? Was hatten sie dort vollbracht ? Wie süß und ehrenvoll sahen sie es an , fürs Vaterland zu sterben ?

Wer hat dieses Grab eingerichtet ? Wer pflegt es heute noch ? Warum ist es möglich, dass neben den im Hersbrucker Land verteilten Stätten des Gedenkens an die Opfer dieser unseligen Zeit so ein Heroengrab ohne Erklärung bestehen kann?

In der Chronik von Offenhausen (Mittelfranken) fand ich dann folgenden Hinweis: In Offenhausen war nur eine Patrouille der Amerikaner zurückgeblieben. Als am 18. April die Gefahr offenbar gebannt war, kam die Panzereinheit zurück und besetzte das Dorf. Zur Einquartierung der Soldaten mussten viele Häuser (vom unteren Dorf aus gesehen die rechten Anlieger der Hauptstraße sowie im oberen Dorf auch links bis einschließlich der Haus-Nr. 32) für drei Tage geräumt werden. Dies gestaltete sich um so schwieriger, weil sich sehr viele Fremde aus Nürnberg und anderen Städten, die zu Hause „ausgebombt“ worden waren, in Offenhausen aufhielten. Nur zur Versorgung des Viehs durften die Eigentümer ihre Anwesen betreten. Außerdem galt eine Ausgangssperre von 19.00 bis 6.00 Uhr.

Im Schulhaus wurden einige deutsche Soldaten arretiert, die sich den amerikanischen Truppen ergeben hatten. Unter ihnen befanden sich drei Angehörige der Waffen-SS. Am 21. April wurden die drei Männer von ihren Mitgefangenen getrennt, in den Wald gefahren und kurzerhand erschossen. Die Umstände dieser Tat, vielleicht ein Racheakt, werden nicht mehr zu klären sein - vertrauenswürdige Quellen existieren nicht. Die Drei erhielten ein Begräbnis auf dem Offenhausener Kirchhof, das mit einem Birkenkreuz und drei Stahlhelme geschmückt wurde..."

Ich schrieb daraufhin den Verfasser der Chronik – Herrn Giersch aus Kucha - an und erhielt folgende interessante Antwort:

Sehr geehrter Herr ........,
freut mich, dass da endlich jemand Näheres wissen möchte. Als ich seinerzeit recherchierte, stieß ich auf wenig Quellen und viel Schweigen. Einige ältere Offenhausener konnten sich nur erinnern, dass die Drei sich unvorsichtig geäußert hätten, als sie mit anderen Gefangenen von den Amerikanern im Schulhaus inhaftiert worden waren.
Der Atem stockte mir erst, als ich in einer Materialsammlung, die um 2003 eine ABM-Kraft der Gemeinde angelegt hatte: Dort fand ich nämlich ein Pamphlet, das eine Verbindung zur berüchtigten Dichterstein-Bewegung nahe legt, die sich seit vielen Jahren gelegentlich in Offenhausen /Oberösterreich trifft: eine unverblümt faschistische Gruppierung. Ein bekannter österreichischer Altnazi (Name fällt mir jetzt partout nicht mehr ein) beklagt hier den Mord an den "deutschen Helden", ein Autor, der mehrfach mit dem Staatsanwalt zu tun hatte und Anfang der 1990-er Jahre nur mit seinem Ableben einer Verurteilung entging. Der Tenor dieser Schrift ist der gleiche 
wie auf der Tafel im Offenhausener Kirchhof. Welche Verbindung hatte dieser Nazi zur Region, zu Offenhausen Mfr.?

Nähere Hinweise zumindest auf die Ereignisse 1945 fand ich erst, als die ersten Bücher verkauft waren. Erst ein Engelthaler, der das Buch gekauft hatte, teilte mir mit, dass die Drei aus einer SS-Einheit stammten, die von den Amerikanern schon intensiv wegen eines grauenhaften Massakers an evakuierten KZ-Insassen und/oder Kriegsgefangenen gesucht wurde.
Als sie kurz vor ihrer Verhaftung über Nacht bei Engelthalern untergeschlupft waren, brüsteten sie sich dort stolz mit ihren Untaten. Derartig unvorsichtig äußerten sie sich offenbar nach ihrer Arretierung im Offenhausener Schulhaus, sodass die sensibilisierten Amerikaner auf sie aufmerksam wurden, sie aus dem Kreis der übrigen Inhaftierten, denen ja nichts geschah, isolierten und kurzen Prozess machten.
Es ärgert mich nun überaus, dass diese Information erst nach Veröffentlichung der Chronik einging. Schriftquellen über dieses Ereignis finden sich natürlich nicht.

Daraufhin schrieb ich an das evangelische Pfarramt in Offenhausen, um eine Stellungnahme zu erreichen:

Der zuständige Pfarrer Polster wollte keine Auskunft geben, wer das Grab eingerichtet hat und wie die Art der Darstellung auf einem evangelischen Friedhof in Anbetracht der Ereignisse 45 zu rechtfertigen ist.

Seine sehr knappe Erwiderung: Gesicherte Erkenntnisse liegen u.W. nicht vor. Deshalb kann auch nichts Genaues zum Sachverhalt mitgeteilt werden. Persönliche Ansichten können divergieren.

Herr Schmid von der Soldaten- und Kriegerkameradschaft Offenhausen und Umgebung, der auch angeschrieben wurde, antwortete nicht. Pfarrer Polster teilte im obigen kurzen Schreiben auch mit, dass er sich auch im Namen dieses Vereins äußert.

Ich biss also auf Granit und sah dann auch von einer Veröffentlichung ab, da ich vermeiden wollte, dass dieses Grab zu einer Pilgerstätte von Neo-Nazis wird, die ja sehr gerne Kriegsverbrechen der Alliierten benutzen um Verbrechen der Nazis gegen zurechnen. Außerdem musste ich mich um die stark pflegebedürftige Mutter kümmern.

Selten noch kam ich mit Freunden bei dieser Grabstätte vorbei und hab mit Ihnen über die Ereignisse im April 45 gesprochen. 2013 schließlich waren Renovierungsarbeiten für die Nische mit den Namen der Kriegsopfer von Offenhausen und Umgebung in Gange. Das SS-Grab daneben sah so aus als würde es aufgelöst werden: Kein Birkenkreuz mehr und der Stein lag etwas abseits wie zum Abtransport bereit gestellt – leider hab ich es nicht fotografiert ...

Doch im Frühjahr 2014 ergriff mich Empörung: Die Gedenkstätte für die Gefallenen war renoviert – und siehe da auch das SS-Grab war wieder hergerichtet , mit kleinen Änderungen. Das Birkenkreuz zierten jetzt wieder drei Helme – aus Plastik, aber im Wehrmachtsgrau besprüht. Das kupferne „Eiserne Kreuz“ mit der Aufschrift „Sie starben für Deutschland“ war weg. Dafür war der liegende Stein mit den aufmontierten Inschriften größer und neu.


Nun unternahm ich einen neuen Rechercheanlauf mit Briefen in denen ich den Anlass und die Verursacher der Renovierung erfahren wollte.

Die evangelische Gemeinde und das Dekanat antworteten erst mal nicht.

Der Soldatenverein schwieg weiterhin.

Ich schrieb Herrn Landtagsabgeordneten Freller, auch Vorsitzender der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten, und wies ihn auf den Gegensatz des Gedenkens KZ Hersbruck versus SS-Grab Offenhausen hin – auch unter dem Aspekt christlicher Grundsätze. Er baute einen Kontakt zu Herrn Fritz in München auf, der zuständig für die geplante Errichtung der Gedenkstätte in Happurg ist.

Herr Giersch, jetzt auch Kreisheimatpfleger, gab mir schriftlich einen Tipp wie ich einen Zeitzeugen auftreiben konnte.

Diesen Mann, Herrn Frauenknecht, suchte ich auf und ließ mir einiges erzählen. Davon im nächsten Teil ....

25.12.25

Eigentlich ist der Mensch gut und freundlich gesinnt

 Dies ist die These von Rudger Bregman in seinem Buch " Im Grunde gut" (2020)


2017 warf er den Superreichen beim Weltwirtschaftsforum in Davosauf einem Panel vor, nicht genug Steuern zu zahlen. »Wir müssen über Steuern sprechen«, rief er den Zuhörenden zu. Er fühle sich, als wäre er auf einer Fachmesse für Feuerwehrleute, auf der niemand über Wasser sprechen dürfe.

Jemand postete den Satz auf Twitter und schon bald interessierte sich die ganze Welt für Bregman. Die britische Tageszeitung Guardian nannte ihn den »niederländischen Historiker, der die Davoser Elite bloßgestellt hat«. In einem Interview mit dem US-Fernsehsender Fox News warf er dem Moderator Tucker Carlson vor, ein Millionär zu sein, der von Milliardären bezahlt wird, woraufhin Carlson ihn beschimpfte (»Why don’t you go fuck yourself?«), und sich weigerte, das Interview zu veröffentlichen.

Zugegeben, Bregmann weiß, wie man politische Aufmerksamkeit erzeugt. Sein Buch „Utopien für Realisten“ aus dem Jahr 2017 machte ihn zusammen mit anderen Veröffentlichungen zu einem intellektuellen Superstar. Dabei gelang es ihm, Ideen wie das Grundeinkommen, Fortschrittstheorie oder Ungleichheit wieder in die öffentliche Diskussion zu bringen.

Auch sein neues Buch „Im Grunde gut“ erregt die Gemüter. Wie schon in seiner letzten Veröffentlichung, fordert Bregman dazu auf, den Menschen auf radikale Weise neu zu betrachten und sein Verhalten zu ändern. Bregmans zentrale These ist, dass der Mensch im Grunde gut ist und das Verlangen habe, Gutes zu tun. Das hätten die Menschen allerdings verdrängt, weil die Philosophie der vergangenen Jahrhunderte ihnen das Gegenteil einredet, nämlich dass der Mensch von Natur aus böse sei.

Die menschliche Liebenswürdigkeit habe evolutionäre Ursprünge, so Bregman. Der Homo sapiens habe seine Konkurrenten nicht mit Blutdurst besiegt, sondern durch seine Fähigkeit zu kooperieren. Bregmans Theorie sieht den Menschen nicht als Wolf sondern als Welpen. Der Mensch sei netter als alle anderen Primaten. Er sei angetrieben von dem Wunsch, mit Freunden und Familie Zeit zu verbringen.

All das führt zu der Frage, die schon der Philosoph Epikur stellte: Unde malum? – Woher kommt das Böse? Um dem zu begegnen, führt Bergman das Konzept des »Nocebo« ein – eine Art umgedrehtes Placebo. Wir leiden an einer eingebildeten Krankheit, die uns überzeugt, dass wir selbst böse sind. Ein Märchen, das unsere Psyche betäubt und unsere Vorstellungskraft einschränkt.

In der Zeit wurde das noch näher ausgeführt

Es sei nicht die Zivilisation oder die Angst vor dem Gefängnis, die uns davon abhält, einander zu betrügen oder aufeinander loszugehen, sagt Rutger Bregman. Es sei die menschliche Natur. Tief in uns drinnen seien wir kooperativ, freundlich, liebevoll, altruistisch, kurzum: gut.

Bregmans neues Buch “Im Grunde Gut“ will vor allem eines: eine Theorie widerlegen, die unser aller Leben prägt, die sogenannte Fassadentheorie. Sie besagt, dass der Mensch im Naturzustand egoistisch und gewalttätig ist, alle gegen alle, Totschlag und Betrug. Das Leben im Naturzustand, schrieb Thomas Hobbes, einer der bekanntesten Verfechter der Theorie, sei "nasty, brutish and short", garstig, brutal und kurz. Nur Gesetze, die Androhung von Strafen und ein disziplinierender Staat ermöglichten, dass wir friedlich zusammenleben können. Die Zivilisation sei eine dünne Schutzschicht über der explosiven und barbarischen menschlichen Natur und sie könne jederzeit reißen.

Überhaupt: Gibt es die menschliche Natur, und wie genau können pauschale Aussagen über sie sein? Ist nicht, wer es wie Bregman versucht, immer zum Scheitern verurteilt?

Zumindest hat Bregman sehr genau nachgeforscht. Fünf Jahre habe er an dem Buch gearbeitet. Und zumindest machen die Erkenntnisse, die er zusammengetragen hat, eines sehr klar: Der Mensch ist ganz anders, als er in „Der Herr derFliegen“ erscheint und als Thomas Hobbes ihn sah. Die vergangenen 20 Jahre Wissenschaft – ob nun Sozialpsychologie, Archäologie, Geschichte oder Evolutionsbiologie – zeigten das, sagt Bregman. "Das Buch lag in der Luft. Ich musste nur die Punkte verbinden."

Menschen sind eben nicht nur gut, sie sind auch autoritär, sadistisch, hasserfüllt und rassistisch. Man muss zu Bregmans Verteidigung betonen, dass er nicht so naiv ist zu glauben, dass Menschen immer nur Gutes tun. Bregman geht es um etwas anderes. Darum, zu verstehen, wie der Mensch im Naturzustand wäre. Sein Ergebnis: ganz, ganz anders, als Hobbes es sich vorstellte.

Mit seinem Buch wolle er trotzdem etwas gegen den Zynismus tun, sagt er. Denn wer nur fest genug daran glaube, dass der Mensch von Grund auf verdorben ist, der behandelt seine Mitmenschen auch so, als könnten sie einen jeden Moment verraten. Am Ende wird die Menschenfeindlichkeit zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Ein Interview:

In einer anderen Rezension wird auf die Schnittpunkte zum politischen Anarchismus hingewiesen:

Für seinen historischen Rahmen bedient sich Bregman unter anderem bei Yuval Noah Harari (2015), James C. Scott (2019) und dem bedauerlicherweise kürzlich verstorbenen David Graeber (2012). Die beiden Letzteren sind Anarchisten. Auf wen Bregman sich jedoch nicht bezieht, ist jener Denker, welcher die Theorie der Kooperation für die sozialistische Bewegung ausgearbeitet hat: Peter Kropotkin. Den von ihm maßgeblich geprägten Begriff der Kooperation verwendet Bregman übrigens im Buch nur ein einziges Mal, wobei er in einem Interview (Erhard/Bregman 2020) deutlich macht, dass dieses anthropologische Konzept den Kern seiner Überlegungen darstellt.

Insgesamt hinterließ die Lektüre des Buches bei mir eine gewisse Ratlosigkeit und ein Gefühl von Ohnmacht. Die Beispiele von Bregmann für kooperatives und ethisch gutes Verhalten von Menschen in Katastrophenfällen oder auch Kriegen zeigen menschliche Größe. Auch seine Recherchen zu psychologischen Experimenten, welche die Fähigkeit der "Normalbevölkerung" zur Durchführung von Grausamkeiten beweisen sollten, sind lobenswert: Sie waren manipuliert ... Angeblich wegweisende Aggressionsexperimente (zum Beispiel das Stanford-Prison- oder das Milgram-Experiment) seien manipulativ und belegten höchstens die Wirkkraft autoritärer Suggestionen.

Bregman folgert: Menschen würden gut miteinander auskommen, wenn man sie nur ließe. Sie benötigten dafür soziale Nähe, flache Hierarchien sowie transparente Mitbestimmungsmöglichkeiten.  

Andererseits: Bereits Ende des 19.Jahrhunderts schrieb der britische Historiker Lord Acton die berühmten Worte: «Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut.» Inzwischen gibt es nur wenige Thesen, bei denen sich Psychologen, Soziologen und Historiker so einig sind.

Sein Rat keine Nachrichten mehr zu konsumieren wird ja von immer mehr Teilen der Bevölkerung befolgt. Das kann einen ja auch permanent runterziehen - und bei mir führt das teilweise zu Schlaflosigkeit ... 



04.10.25

Genialer Zeichner mit Haltung: Thomas Nast

Wieder mal aus einem Albtraum aufgewacht. Zur "Entspannung" den Podcast Zeitzeichen des WDR angehört und eine sehr interessante Sendung angehört: Der Erfinder des Weihnachtsmanns : Thomas Nast
Dieser Thomas Nast wurde 1840 in der Pfalz geboren, die damals zum Königreich Bayern gehörte. Viele Menschen sind damals  aus wirtschaftlichen aber auch aus politischen Gründen in die USA ausgewandert. Auch seine Familie machte sich auf und landete in New York.

Thomas Nast hatte große Schwierigkeiten mit der Eingewöhnung. Zum Nicht-Beherrschen der englischen Sprache gesellte sich als Folge, dass er die Schule nicht mochte. Dies setzte sich über viele Jahre hindurch fort. Ein Nachbar war Kerzenmacher und stellte auch Wachsmalkreide her. Er gab Thomas ausgemusterte Malkreide, und dieser beschäftigte sich stundenlang mit Malen. Der Lehrer überzeugte die Eltern davon, den 12-jährigen Thomas aus der Schule zu nehmen und in eine Malschule zu schicken, die er auch lange besuchte. Es war äußerst schwierig, für Thomas eine Stelle zu finden, da er weder richtig schreiben noch lesen konnte. Hinzu kam, dass er klein und dick und deshalb für körperliche Arbeit ungeeignet war. Seine einzige Fähigkeit war, dass er zeichnen konnte, was er sah. Er hatte etwa ein halbes Jahr lang Zeichenunterricht bei Theodore Kaufmann. Anschließend kopierte er Bilder in der Thomas Jefferson Bryan Gallery of Christian Art in New York.

Von 1855 bis 1858 arbeitete Thomas Nast für Frank Leslie’s Illustrated Newspaper.



Sie folgten einem erprobten Mix, indem sie über Krieg, Politik, Wissenschaft, Reisen, Entdeckungen, Literatur und Kunst in jeder Ausgabe berichteten, die mit Zeichnungen angereichert waren.

1859 wechselte Thomas Nast (mit 19) zur New York Illustrated News. Diese Zeitung schickte ihn 1860 nach England, um über die erste Boxweltmeisterschaft zu berichten.

Später arbeitete er als freier Mitarbeiter bei Harper’s Weekly. Nast arbeitete zunächst als grafischer Kriegskorrespondent und besuchte Schlachtfelder des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861 - 1865). Seine Berichte wurden in der Wochenzeitung gedruckt und seine Zeichnungen in Holzschnitte umgewandelt, die oftmals über zwei Seiten reichten. Nasts Bildkampagnen, mit denen das Blatt während des Bürgerkriegs für die Sache der Union eintrat, wurden zu einem durchschlagenden Erfolg und die Auflage erhöhte sich drastisch.

Nast wurde durch Harper’s Weekly landesweit berühmt und die Zeitung profitierte ganz enorm von seinen Arbeiten. Diese Zeichnungen und Karikaturen formten einerseits die öffentliche Meinung mit, andererseits reflektierten sie diese auch.

Beispiele:
Hier wendet er sich gegen eine Friedenslösung mit den Südstaaten, welche die Demokratische Partei vorschlug. Links steht ein geschlagener und amputierter Soldat der Union, sein Gesicht vor Scham verborgen, der seine Hand dem triumphierenden Jefferson Davis, Präsident der Konföderierten, reicht. Davis steht mit einem Stiefel respektlos auf dem Grab eines anderen Soldaten, an dessen Grab die kniende Columbia weint und auf dessen Grabstein steht: Helden der Union in einem nutzlosen Krieg („Union Heroes in a Useless War“). Oben in der linken Ecke ist die amerikanische Flagge als Zeichen des Notstands umgekehrt aufgehängt. Nasts Botschaft ist klar: Wenn Verhandlungen mit den Konföderierten weiter verfolgt werden, dann haben die Soldaten der Union ihre Glieder und ihr Leben vergebens geopfert und die Afroamerikaner kehren zurück in die Sklaverei.

Oder 1874: Das ist ein Regime des Weißen Mannes ...


1871 : Hau ab (Ausschluss der Indigenen von Wahlen)


1885 : Kolonisation


In der library of concress kann man eine Menge von digitalisierten Grafiken des Thomas Nast betrachten und herunterladen !!!

Seine Karikaturen über den korrupten demokratischen Politiker Tweed führten letzten Endes sogar zu dessen Verurteilung und Festnahme ....


Nasts Karikaturen über die Korruption der Tammany Hall und deren „Parteimaschine“ unter Tweed führten maßgeblich zur Absetzung und Verurteilung von Tweed. Nast beherrschte die Kunst, schwierige Sachverhalte leicht verständlich darzustellen. So soll Tweed einmal gesagt haben: „Es ist mir gleichgültig, was die Zeitungen über mich veröffentlichen, da meine Schäfchen ohnehin nicht lesen können. Aber sie verstehen diese Zeichnungen.“ Nast fuhr mit seiner Arbeit gegen Tweed trotz Morddrohungen und Bestechungsversuchen fort.

Seine "Erfindung" des Weihnachtsmannes wird hier kurz dargestellt. Auf einer der ersten Grafiken werden aber keine Kinder beschenkt, sondern Soldaten :



Santa Claus war nicht die einzige Figur, mit der Nast den Bilderkosmos seiner neuen Heimat bereicherte. Eine weitere wurde Uncle Sam, der als spindeldürrer Frackträger mit Zylinder und spitz zulaufendem Vollbart sein großes Vorbild Abraham Lincoln nicht verleugnete. Für dessen Republikanische Partei schuf Nast mit dem Elefanten das noch heute gültige Symbol, das er dem – etablierten – Esel der Demokraten gegenüberstellte. Indem er beide Figuren zusammenführte, setzte er ihre Konkurrenz zeitlos in Szene.


Nasts Zeichnungen entsprachen bald nicht mehr dem Zeitgeist. Auch verübelten ihm seine alten republikanischen Leser den Wechsel ins demokratische Lager. 1884 verlor er durch eine Spekulation sein Vermögen. Auch der Neustart mit einem eigenen Blatt, „Nast’s Weekly“, scheiterte. Um ihn vor dem Ruin zu retten, ernannte US-Präsident Theodore Roosevelt Nast schließlich zum Konsul in Ecuador. Dort fiel er im Dezember 1902 dem Gelbfieber zum Opfer. Bis zuletzt hatte er  Bilder von Santa Claus gemacht.



29.06.25

Mein Jahr 1968

 Ich war noch in der 13.Klasse am Martin-Behaim-Gymnasium Nürnberg. Sehr guter Deutsch- und Geschichtsunterricht von Schmidt-Loebe , der uns die aktuelle Literatur und die Nazi-Vergangenheit näher brachte. Auch die Schulplatzmiete bot gute Einblicke in die Kultur der Moderne.

Mein „völkisch-denkender“ Vater ( 67 Jahre und schon länger Frührentner) hatte im Frühjahr 67 einen Schlaganfall erlitten und war halbseitig gelähmt. Die Mutter (42 Jahre, Kontoristin) arbeitete nur noch halbtags und bald gar nicht mehr. Wir waren 1964 mit Unterstützung des Erbgroßonkels nach Lauf in eines der ersten Reihenhäuser nach Lauf-Kotzenhof gezogen. Ich war Fahrschüler und bin mit der Bahn nach Nürnberg in die Schule gefahren. Wir hatten nie ein Auto, aber jetzt sollte eines angeschafft werden, um Erledigungen besser managen zu können. Deshalb hatte ich dann ab Januar einen Führerschein und wir kauften einen R4. Ich verdiente schon vorher in Ferienjobs und durch Nachhilfestunden etwas Geld um z.B. Kleidung kaufen zu können. Jetzt fuhr ich mit dem Auto zur Schule und konnte das Benzin bezahlen.

Von den Ereignissen am 2.Juni 67 ist mir nicht viel in Erinnerung. Es gab auch in Nürnberg Demonstrationen vorwiegend von StudentInnen, die auf den Pressefotos sehr brav aussahen. Ob ich da dabei war, weiß ich nicht mehr. Eher nicht, da ich in den Pfingstferien zwei Wochen vorher gejobbt hatte und zu Hause einiges zu tun war.

Wir hatten zwar einen Fernsehapparat, meine Informationsquellen waren damals eher „Spiegel“ und „Zeit“, die ich mir ab und zu kaufte. So waren mir die Entwicklung desVietnamkriegs zum Flächenbombardement und die weltweiten Proteste dagegen schon lange bewusst. Auch in Nürnberg gab es vor dem Amerikahaus eine größere Demonstration. Ich war 67 bei einer der größten (5000 Teilnehmer) dabei, die vom Plärrer zum Hauptbahnhof lief. Dieses HO-HO-HO- CHI-MINH Gerufe und in Reihe hopsend marschieren war nicht so meins – eher so Kreationen wie: „Bürger lass das Gaffen sein, reih dich lieber bei uns ein“ ….Damals geriet ich hinter die Polizeikette vor dem damaligen Army Hotel, was bei einigen Polizeioffizieren hektische Reaktionen hervorrief (auch eine Anekdote).  


Wesentlicher noch waren die Proteste gegen die Notstandsgesetzgebung. Auf dem Hauptmarkt fand eine große Kundgebung der Gewerkschaften gegen die Pläne der großen Koalition aus CDU/CSU/SPD statt. Vom 17. bis 21.März schließlich fand in der Meistersingerhalle gegenüber der Schule der Parteitag der SPD statt. Viel Prominenz war vor Ort: Neben den Politgrößen der Partei Willy Brandt, Herbert Wehner und Helmut Schmidt, war auch Günter Grass nach Nürnberg gekommen. Doch die Proteste gegen die geplanten Notstandsgesetze, die die Befugnisse des Staates im Krisenfall ausweiten und die Grundrechte einschränken sollten, trübten den Parteitag, den Willy Brandt als „Parteitag des Umbruchs“ tituliert hatte. Im neu gegründeten „Republikanischen Club“ konnte ich erleben, dass der spätere Minister Emke sich der Diskussion bei Bratwurst und Kartoffelsalat der Diskussion stellte. (Im Nachhinein hier ein jetzt gefundener Spiegelartikel zum damaligen Zustand der SPD)

Im Jahresbericht der Nürnberger SPD heißt es später: „Es war schade, dass sich während dieser feierlichen Eröffnung vor der Meistersingerhalle tumultartige Szenen abspielten. Mit Omnibussen waren Demonstranten (…) nach Nürnberger gekarrt worden. (…) Da ein Eindringen in den Saal nicht möglich war, hielt man sich an den Dekorationen schadlos. Fahnenmasten wurden herausgerissen, SPD- und Länderfahnen, sowie Transparente verbrannt. Das Ergebnis war, einige Verhaftungen und neun verletzte Polizeibeamte.“ Herbert Wehner, so erzählt man sich bis heute, habe von einem wütenden Demonstranten sogar eine Ohrfeige bekommen. Ich befand mich einige Meter in der schiebenden Menge mit einigen Mitschülern eingekeilt entfernt. Und kann nur bezeugen, dass Wehner im Gedränge seine Brille verloren hatte. Von den Sachbeschädigungen in der Umgebung hatte ich nichts mitbekommen. Jedenfalls war ich froh, dass ich mich aus dem Pulk herauswinden konnte.  


Am Montag darauf machte sich ein Teil der Klasse eigenmächtig auf, um einfach mal die Schule zu verlassen und rüber zum Veranstaltungsort zu gehen (Protest oder Neugier ?) . Es gab ein kleines Nachspiel, da der Scharfmacher Studiendirektor Springer uns massiv bestrafen wollte. Die Vermittlung des Vertrauenslehrers hatte aber Erfolg und wir waren entlastet. Dieser Springer zeigte sich bei polizeilichen Ermittlungen durchaus zur aktiven Zusammenarbeit mitHerold (damals Polizeipräsident) bereit. In einer interessanten Ausstellung 2018 konnte ich noch einige Dokumente sehen, die ihn als sehr autoritär darstellten …

Wir waren aber bald im Zentrum der Unruhen. Auszug aus dem Jahresbericht der Schule: Die Klasse 13c unternahm vom 30.März bis 5.April eine Studienfahrt nach Berlin. Rundfahrten und Spaziergänge führten die Teilnehmer durch das wieder aufgebaute West-Berlin, insbesondere durch das Zoo- und Hansaviertel. Besucht wurden auch Museen in Dahlem, die Gedenkstätte in Plötzensee und das Schloss Charlottenburg. Interessante Eindrücke wurden auch bei einem Besuch des Ostsektors gewonnen. Ein Kabarettbesuch wurde auch organisiert....

An die bedrohlichen Grenzkontrollen auf der Transitstrecke (mach ja nicht das Sächsisch nach...) und im Bahnhof Friedrichstrasse kann ich mich noch erinnern. Auch dass ich da drüben erleben musste wie Zivile einen ungefähr Gleichaltrigen mit Parka bekleidet aus einem Café abführten. (Der sah aus wie wir...) Es klingt heute noch wie ein Hohn, wenn der brave Bürger den Protestlern mit Hass entgegenschleuderte: „Dann geh´doch rüber !“ …. Für mich war damals dieser „Sozialismus mit menschlichen Antlitz“ des Prager Frühlings sympathisch, den ich in der Zeit verfolgte.

Wir kamen auch am Büro des SDS vorbei. Am Gehsteig davor wurde Rudi Dutschke eine Woche später niedergeschossen.... Plötzensee war nachhaltig … Es gab Infostände bei der Uni mit verschiedenen Materialien die ich mir mitnahm … Unter anderem einen Button mit „Nie wieder Jungfrau“ ,den ich mir als Jungmann mit Sarkasmus anheftete …

 Am 4.4. wurde Martin Luther King in den USA ermordet. Habe ich in Berlin nicht mitbekommen ...

Wie erwähnt wurde dann am 11. April Rudi Dutschke niedergestreckt – und es gab überall Proteste gegen den Springer Verlag , besonders die BILD . Es war Ostern und auch in Nürnberg gab es rege Gespräche mit Passanten über die Ereignisse. Ich fand es sehr interessant, dass man mit vielen (älteren) Leuten auch diskutieren konnte … Mit dem Jargon von Dutschke konnte ich nicht viel anfangen. Was empörend war, ist die Tatsache, dass die Springer Presse nicht nur in Berlin mit Hassparolen die Bevölkerung gegen die Protestierer aufstachelte. An diesem Tag in der Stadt konnte man gut mitbekommen wie Meinungen manipuliert werden können. Mal anders einrichten konnten wir es nur bei wenigen...


 Die Entwicklung in der Tschechoslowakei sah währenddessen gut aus. Einige Reformen waren am Laufen, was ganz nach meinem Geschmack war:


Aufhebung der Zensur:

    Die staatliche Kontrolle über Medien und Kultur wurde aufgehoben, was zu einer Welle der Meinungsfreiheit und einer lebhaften öffentlichen Debatte führte.

  • Bürgerliche Freiheitsrechte:

    Rede-, Versammlungs- und Reisefreiheit wurden gewährt, was den Bürgern mehr Möglichkeiten zur Teilnahme am politischen und gesellschaftlichen Leben eröffnete.

  • Stärkung des Parlaments:

    Das Parlament erhielt mehr Befugnisse und wurde zu einem wichtigeren Akteur in der politischen Landschaft.

  • Wirtschaftsreformen:

    Es wurden Pläne zur Dezentralisierung der Wirtschaft und zur Gewährung von mehr Autonomie für Betriebe entwickelt, um die Effizienz zu steigern und den Einfluss der Partei zu reduzieren.

Im Schulbetrieb war das Abitur gelaufen. In Mathe / Physik gut – in Deutsch hab ich mich mit einer Interpretation vertan und bekam wg. Satzzeichenschwäche noch eine Note schlechter. Ich sollte noch in eine mündliche Nachprüfung. Ich hatte nun Zeit im Keller unseres Reihenhauses ein Fenster einzubauen um mir dort ein eigenes Reich einzurichten. Ich bekam dann aber eine eitrige Mandelentzündung und versäumte die Nachprüfung. Bei der Ausgabe der Zeugnisse war ich nicht dabei , sondern stand mit Leo Kraus, dem man das Zeugnis verweigerte (durchgefallen?) vor der Turnhalle in der die feierliche Übergabe stattfand. Im Rektorat gab ich dann mein Attest der Erkrankung bei Beckstein (Vater des kurzzeitigen Ministerpräsidenten) ab und erhielt von der Sekretärin das Zeugnis.

Mit meinem Freund Jürgen bin ich dann mit dem R4 nach Südfrankreich gefahren – über die Alpen auf der Route Napoleon. Ein Erlebnis! Erstmals Gletscher gesehen und ein Meer erlebt. Am Strand gezeltet und an der Küste entlang gefahren … Heute ist dort alles verbaut ….

Am 21. August schließlich fuhr ich mit einem Freund nach Erlangen zur Einschreibung für die Fächer Mathematik, Physik und Informatik und im Autoradio kam die Nachricht,dass in Prag russische Panzer auffahren …

Die Bevölkerung in Prag und der gesamten Tschechoslowakei leistete anfangs noch passiven Widerstand gegen die Invasion von Truppen aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien . Trotz der militärischen Übermacht der Invasoren, setzten die Menschen kreative und friedliche Mittel des Widerstands ein, um die Besetzung zu protestieren und die Reformer zu unterstützen: Menschen stellten sich den Panzern entgegen, bauten Barrikaden und versuchten, mit den Soldaten zu diskutieren oder sie zu ignorieren. Straßenschilder wurden übermalt oder abmontiert, um die Soldaten zu verwirren. Tschechoslowakische Eisenbahner leiteten Nachschubzüge für die Rote Armee auf Abstellgleise.  Tausende zumeist selbstgezeichnete oder selbstgedruckte Plakate, die die Besatzer verspotteten und zum passiven Widerstand aufriefen, wurden vorwiegend in Prag und Bratislava, aber auch in anderen Städten verteilt und an Häuserwände und Schaufenster geklebt. Auch der Rundfunk spielte eine große Rolle. Der Hauptsender war besetzt, aber eine mobile Sendestation wurde eingesetzt, um die Bevölkerung zu informieren. Auch der Österreichische Rundfunk spielte dabei eine große Rolle, indem er die Tschechoslowaken via Kurzwelle-Sendeanlagen in Österreich informierte. Daneben spielten auch kleinere Piratensender eine wichtige Rolle, die von den sowjetischen Besatzungstruppen ebenfalls nicht völlig ausgeschaltet werden konnten.

Die Tage danach - als die Regierung nach Moskau zitiert wurde, lassen sich in dieser Kurzübersicht mit Originalberichten gut verfolgen. Ich erinnere mich noch an das Bild als Alexander Dubcek nach seinem Rückflug aus Moskau die Gangway mit Tränen in den Augen hinabstieg …. Der Prager Frühling 68 war beendet. Erst 89 gab es wieder eine Reform mit der Samtenen Revolution ...

Der Anfang des Studiums war frustrierend. Im Matheseminar bekamen wir Hausaufgaben. Einige meiner Schulkameraden waren auch im Studiengang dabei. Wir setzten uns zusammen, aber niemand hatte eine Lösung. Ein Fünftsemester half uns dann mal … In der überfüllten Physikvorlesung spulte der Professor eine Formel nach der anderen herunter. Das war wörtlich zu nehmen, denn eine Hilfskraft spulte die Folie auf dem Overheadprojektor mit dem hastig hingeworfenen Wirrwar immer weiter... Glücklicherweise gab es nebenan ein kleines Café des Studentenwerks und dort waren viele Leute aus der Philosophischen Fakultät anzutreffen. Dort drüben war die Stimmung anders: Diskussionen, Teach-ins und Infotische.


 
Als ich mir dann einige Leute aus der Mathematik betrachtete, man würde heute vielleicht Nerds sagen, stand mein Entschluss fest: So wollte ich nicht werden – und außerdem kam mir das alles so schwierig vor. Ich sah mich dann mal in der neu erbauten Pädagogischen Hochschulein Nürnberg am Dutzendteich um und war sehr positiv eingenommen. Das Ganze wirkte irgendwie überschaubar und die Leute beim ASTA waren mir recht sympathisch. Von meinen poitiven Erfahrungen als Nachhilfelehrer her, hatte ich emotional sowieso einen positiven Einstieg . Also sattelte ich um auf Volksschullehrer – später Lehrkraft an Grund- und Hauptschulen ….