03.04.26

Mein Wohnen in den 50er Jahren

 Damals wohnhaft im „Block“ gegenüber der Firma Baumüller und einer nicht mehr existierenden Gießerei in der Ostendstraße. Block deswegen weil die Mietshäuser der Siedlung jeweils über Eck abgeschlossen um eine große Freifläche erbaut worden waren. Straßenbahnhaltestelle Marthastrasse der Linie 3. Ab 1953 sind wir aus dem feuchten Loch mit Plumpsklo in der Braugasse in Hersbruck nach Nürnberg umgezogen.Ich war damals 5 Jahre alt. Für mich war das als wäre ich jetzt in einer Villa angekommen. Erst zu Dritt in einer 2 Zimmerwohnung mit Wohnküche und Badezimmer ohne Tageslicht, aber mit Emaille Wanne, Badeofen, in dem man zum Samstagsbad die Zeitungen verbrannt hat, – und Spültoilette ! Die Zimmerfenster unserer Wohnung gingen nach hinten hinaus mit Blick auf Kleingärten im Innenhof. Ein kleiner Ofen im Wohnzimmer und ein großer Kohleherd in der Küche mit Wasserschiff und Bratröhre konnten mit Kohle, Holz und Papier betrieben werden. Das Haus hatte 9 Mietparteien und jede ihr Keller- und Dachbodenabteil. Gemeinschaftlich gab es eine Waschküche mit beheizbarem Bottich, einen Trockenboden und außen noch Vorrichtungen um Wäscheleinen zu spannen.

Im Hof gab es eine Freifläche mit großem Sandkasten und einer riesigen alten Eiche.Bänke waren dort reihum aufgestellt und dahinter Anpflanzungen mit Sträuchern, die sich zum Verstecken gut eigneten.

In der Siedlung gab es noch eine Wäschemangel, eine Mütterberatungsstelle, ein Brausebad und einen Konsumladen. Ich war im Kindergarten der Arbeiterwohlfahrt (heuteKulturladen Loni-Übler-Haus). Zum Einkaufen waren die Wege kurz. Im Milchladen konnte man die Milch auch offen einfüllen lassen. Joghurt und Sahne gab es im Glas – und das einfach nur in einer Sorte und Qualität. Beim Bäcker drüben über der Ostendstraße konnte man sogar Frühstücksbrötchen geliefert bestellen. Der hatte auch Lebensmittel und stellte dafür ziemlich früh auf Selbstbedienung um. Ein kleiner Laden, der sich aber über Jahrzehnte hielt. Dort am Eck war auch eine Baracke in der Gemüse verkauft wurde. Sauerkraut und Gurken aus dem Fass. Manchmal gab es auch Südfrüchte und Bananen.Eine Metzgerei und zwei Gaststätten waren auch leicht erreichbar.

Und es gab eine Kohlenhandlung und eine Kistenfabrik in der Nähe. Briketts oder Restholz aus der Fabrikation wurden mit dem Leiterwagen selbst geholt. Anthrazit wurde in schweren Körben geliefert und von den Kohleträgern gleich in den Keller gebracht. In einer Wohnung in der Nähe gab es eine Flaschenbierhandlung. Da durfte ich mir im Sommer mal eine Windsheimer Limonade holen.


heute ist der Block saniert

Mit vier Parteien im Haus hatten wir näheren Kontakt: Beim Ehepaar Hammer hat sich der Mann im Fernkurs fortgebildet und sie zogen irgendwann fort, da er nun als Leiter eines Wasserwerks im Norden arbeiten konnte. Dann waren da die Haidas: Flüchtlingsehepaar mit zwei älteren Söhnen von denen einer bald nach Afrika ging und als Brauer arbeitete. Dann die Kretschmers: Ein Ehepaar mit Schwiegermutter. Frau Kretschmer konnte keine Kinder mehr bekommen, da sie in Breslau von Sowjetsoldaten mehrmals vergewaltigt worden war. Er war Este, ein sehr netter Mensch der bei den Amerikanern arbeitete. Vielleicht beim CIA oder einer anderen Behörde. Die Müllers im zweiten Stock hatten 3 Kinder mit denen ich oft zusammen war. Herr Müller hatte ein Holzbein und man konnte es hören wenn er morgens um 6 die Treppe herunterkam um zur Straßenbahn zu humpeln. Frau Müller rauchte viel und sie hatten irgendwann ein Fernsehgerät. Ich durfte auch mal was schauen. Wir hatten alle kein Auto und der Müller war der Erste der sich eins zulegte – einen Ford 12 M , den mit der Weltkugel.   


So waren damals die Straßen auch nicht zugeparkt. Man konnte in den Nebenstraßen Ball spielen und auf den Gehsteigen z.B. Kästlehüpfen. Kinder gab es einige und in der Grundschulzeit haben sich meine Kreise und Kontakte immer mehr erweitert. So drang ich vor bis Alt-Mögeldorf und ins Villenviertel Ebensee. Ein beliebter Abenteuerort waren einesteils die Gerüste bei damaligen Neubauten, aber auch die Umgebung des alten Pulvermagazins mit der darunterliegenden alten Kläranlage. Die Eisenbahnbrücke über das Tal der Pegnitz mit dem riesigen Bahndamm und die weiten Wiesen mit den von Weidenbüschen umstandenen Bombentrichtern waren nicht zu verachten – besonders wenn dann mal wieder Hochwasser war. Heute ist dort der obere Wöhrder See. Und im Sommer gab es den Pulversee. Der hatte eine unterirdische Verbindung zur Pegnitz. Die zwei Vereine Bayer 07 und der Eisenbahner Sportverein betrieben den Natursee als Bad. Am Hang waren terrassenförmige Stufen angelegt. Ideal um einen Überblick zu haben. Es gab einen Nichtschwimmerbereich – mit schwimmenden Balken abgetrennt und betoniertem Grund. Ein hölzerner Steg teilte den See und ermöglichte den Vereinen für das Training einen Bereich abzusperren. Im Hundstrapp hab ich mir selbst das Schwimmen beigebracht. Fantastisch war das großzügige Wiesengelände außen herum. Am Rand bestanden mit riesigen alten Bäumen. Es ging bis zur Pegnitz im Norden und zum Wehr bei der Feuerwehr. Dort konnte man in der kalten Strömung herum waten. Weiter westlich bauten die Großen Tarzanschaukeln über den Fluss und jenseits des Zauns ließ ein Laufamholzer Bauer seine Pferde weiden. Die Prairie hat gerufen. Übrigens: Nach Wöhrd ging man als Mögeldorfer nicht rüber. Da waren Banden, die einen vermöbelten.

Der Vater hat versucht in dieser kleinen Wohnung als Uhrmachermeister seine Existenz zu sichern. War nicht so erfolgreich. Vorher war er noch bei den Amerikanern in der PX in Fürth. Hat er nicht so ausgehalten. Großraumwerkstatt mit Musikbeschallung. Irgendwann hat er die Frührente eingegeben... Die Mutter arbeitete in einem Offiziersclub der Amerikaner im Künstlerhaus. Einesteils in der Küche aber auch als Bedienung. Später war sie als Kontoristin bei einem SPAR Auslieferungslager im Nürnberger Westen (Adam-Klein-Straße) beschäftigt . Das waren eigentlich nur einige Baracken mit Lager und Büro. Gleich daneben wurde langsam das Versandzentrum der Quelle erbaut.  


55 mit Bruder
Die 2.Klasse 55/56 verbrachte ich in Hannover bei den Großeltern und der Verwandtschaft mütterlichseits. Wieder in etwas prekären Wohnverhältnissen im Arbeiterviertel Linden. Aber in einer neuen herrlichen Schule mit fortschrittlicheren Lernmethoden. Warum ich dort hin verfrachtet wurde ist unklar. Februar 1955 kam mein Bruder zur Welt. Er war als Baby recht kränklich. Vielleicht wollte sich meine Mutter scheiden lassen ? Vielleicht war jetzt die Wohnung zu eng ? Vielleicht auch dieser schreckliche Lehrer Loos in der 1. Klasse, der folgendes Zeugnis hinterließ:


Er stockkatholisch und ich nicht getauft...

Ich kann mich nur noch erinnern, dass ich in der späteren Grundschulzeit in Nürnberg entweder viel draußen war, mich mit Schulkameraden getroffen oder mich in Bücher vergraben hatte. Die Schullesebücher hab ich gleich in den ersten Wochen durchgelesen gehabt. Nachschub gab es in der Stadtbibliothek am Gewerbemuseumsplatz. Ich war oft dort.

Ende der 50er Jahre hat sich dann meine Welt etwas verändert: Der Autoverkehr nahm zu. Auf der nun viel befahrenen Ostendstraße gab es einige Unfälle mit Fußgängern. An der Marthastraße wurde eine Ampel installiert.Der Schulweg war nun genau durchgesprochen um die gefährlichen Stellen zu vermeiden. In der 5.Klasse war ich noch auf der Volksschule, da meine Eltern abwarten wollten wie ich mich entwickle und sie mir fürs Gymnasium nicht helfen konnten- sagten sie. Ich hatte aber 3 recht gute Lehrkräfte (einer ist schnell Rektor geworden und einer Seminarleiter), die mich motiviert haben. Jetzt hatte ich auch ein Fahrrad. Zwar nicht neu und ohne Gangschaltung, aber man konnte auf damals noch ungefährlichen Wegen schnell zum Schmausenbuck oder nach Ebensee fahren.

Urlaubsfahrten gab es nicht, aber Sonntagsausflüge in die Umgebung. Alles mit Bahn oder zu Fuß. Da wir nicht in der Kirche waren, gab es auch keine Gottesdienste. Hab ich nicht vermisst, da es dort immer etwas düster war und seltsam roch. Das Radiogerät in der Wohnküche war wichtig. Samstag war da sehr schön, wenn gebacken wurde und nebenher eine Familiensendung lief.

Ich hatte eine schöne Kindheit am Stadtrand. In bescheidenen Verhältnissen , mit viel Freiheit und Spielraum.

Als Jugendlicher war es dann schwieriger, da man ja kein eigenes Zimmer hatte. Und obwohl ich dann bei unserem Umzug nach Lauf 1965 ins Reihenhaus einen eigenen Rückzugsort hatte, wurde ich dort nicht heimisch – weder mit der Situation noch mit dem Ort.

Es scheint so zu sein, dass ich jetzt im Alter „back to the roots“ gefunden habe : Eine überschaubare bezahlbare Wohnung am Stadtrand mit Grün außen rum , mit der Möglichkeit schnell draußen zu sein und die Versorgung in der Nähe zu haben. Auch für den Öffentlichen Nahverkehr sind die Gelegenheiten sehr gut.Unser Hause der Genossenschaft hier ist in den 60er Jahren gebaut worden und einigermaßen saniert. Das Erbe der 50er Jahre ist das „Sich Bescheiden“ und ein gerüttelt Maß an Zufriedenheit. Das ist auch Glück ....

23.03.26

Der ganz normale Wohnsinn

 Heute ziemlich früh hab ich einen sehr interessanten Podcast gehört: Der ganz normale Wohnsinn - ein Halleluja für vier Wände. Autor ist Thomas Grasberger, ein Bayer der angenehmen Art. 

Zum Inhalt: Wohnen ist ein Menschenrecht. Immer öfter aber ist Wohnraum unbezahlbare Mangelware, hohe Mieten haben längst nicht nur München erfasst, auch andere bayerische Städte und sogar die kleineren Gemeinden auf dem Land. Thomas Grasberger spürt dem ganz normalen Wohn-Sinn nach.

In der Sendung wird eine phantastische Website erwähnt: Moloch München. Sie ist in sehr differenzierter Feinarbeit gestaltet worden von Wolfgang ZänglEr  hätte den Beruf des Erben wählen können oder die Fabrik seiner Eltern für viel Geld verkaufen. Stattdessen schuf er den "Kulturpark", wo Mieten moderat sind und die Mischung bunt ist.

Hier gibt es einen Artikel aus der SZ in dem seine Einstellung gut beschrieben wird. Die Anfragen verschiedenster Immofirmen zu seinem Grundstück sind hier aufgelistet. Seine Stellungnahme von 2019 in Bezug auf den Kulturpark ist hier nachzulesen ....

Im weiteren wird in der Sendung das Buch "Verbietet das Bauen" erwähnt : Seit zehn Jahren wird jedes Jahr mehr gebaut als im Vorjahr. Großstädte klagen trotzdem über Wohnungsmangel. Das beweist: Neubau löst keine Probleme – aber es schafft welche: Spekulation vertreibt Menschen, Abriss zerstört Baukultur, Bauwut schadet dem Klima. In der aktualisierten und erweiterten Neuauflage von »Verbietet das Bauen!« beschäftigt sich Daniel Fuhrhop mit den Diskussionen zu Enteignung, neuem Bodenrecht und Klimakrise.

Zum Schluss des Podcast führt Grasberger die Hörer noch in seine alte Heimat Altötting. Dort gibt es eine Organisation, die schon erfolgreich bezahlbaren Wohnraum geschaffen hat: Das SauRiassl Syndikat ist ein solidarisches Netzwerk aus gemeinschaftlichen und ökologischen Wohnprojekten in der Region um Altötting (Südostoberbayern).


 Bei uns geht es um mehr als nur um gemeinschaftliches Wohnen - und wir sind größenwahnsinnig genug, es hier hinaus zu posaunen: Klimaneutralität, der Aufbau regionaler Versorgungsstrukturen, neue Mobilität, Stromerzeugung, ressourcenschonendes Bauen, Quartiersentwicklung, soziale Gerechtigkeit, politische Arbeit und vieles mehr stehen auf unserer Agenda.
Stabilität, Kreislaufwirtschaft und Gemeinwohl-Ökonomie heißt die Devise des 21. Jahrhunderts. Wir verstehen uns als Teil einer Bewegung, die auf die Grundlage von Gemeineigentum, Selbstverwaltung und demokratischer Planung von unten setzt. Wir wollen mit einer am Bedarf ausgerichteten, nicht profitorientierten Produktion eine auf unendliches Wachstum ausgerichtete Wirtschaftsform überwinden.

01.02.26

Das SS-Grab Teil 3

2008 hab ich also die Grabstelle entdeckt. In jenem Jahr feierte Offenhausen das 950 jährige Jubiläum. Dazu hat der damalige Heimatpfleger Robert Giersch eine umfassende Chronik erstellt , die ich mir kaufte. Auf S. 150 ist nur kurz die Inhaftierung und die Erschießung der 3 SS-Angehörigen erwähnt. In einem Briefwechsel erwähnte er dann, dass im Gemeindearchiv Unterlagen zu der völkischen Organisation Dichterstein aus dem österreichischen Offenhausen waren. Ein Ergebnis einer Partnerschaft ?

Ich habe dann nachgesehen was es denn mit diesem Dichterstein auf sich hat. Von einer Antifa-Seite:

Seit 1963 gibt sich alljährlich, Ende April / Anfang Mai, in der kleinen Marktgemeinde Offenhausen bei Wels die "kulturelle Elite" der deutschen und österreichischen Alt- und Neonazis ein "Stelldichein". Ziel ihrer Wallfahrt ist eine auf einem Hügel über Offenhausen gelegene "Gedenkstätte", der "Dichterstein Offenhausen". In die Ziegelsteine des von 1963 bis 1968 errichteten Monuments sind die Namen von über 400 garantiert reinrassigen Dichterfürsten eingemauert. An den Stufen zum Tor sind Schlagworte wie "Deutsches Volkstum", "Tapferkeit", "Einsatzfreude", "Ahnenehrung", "Muttertum", "Heimat", "Gefolgschaftstreue" zu lesen, und über dem Tor: "Wer den Geist verrät, verrät sein Volk".

2023
Dazu auch Wiki  und Gutachten 

Hier hätte ich versuchen müssen, bei der Gemeinde zu recherchieren wie es denn mit den Unterlagen aussieht, die laut Giersch von einer ABM Kraft geordnet worden sind.

Der weitere Briefverkehr 2009 (hier einsehbar)

Fehler war wahrscheinlich schon, dass ich geäußert habe, meine Recherchen zu veröffentlichen und die Angabe meiner damaligen Blogadresse

Von der Ortsvorsitzenden der SPD bekam ich dann einen netten Anruf. Sie kenne das Grab nicht und werde es sich ansehen. Im Gespräch bat sie auch darum, von einer Veröffentlichung abzusehen. Was ich dann auch im Verlauf meiner Recherchen längere Zeit tat. Außerdem war ich damals nicht so oft unterwegs gewesen, da ich die Mutter im Pflegeheim öfter besuchen musste.

Als ich dann 2014 sah, dass das Grab von Grund auf erneuert war, bin ich erneut tätig geworden.

2014

Über Herrn Giersch konnte ich den Zeitzeugen Herrn Frauenknecht ausfindig machen und interviewen .

Über die neue Pfarrerin in Offenhausen, Frau Meister-Hechtel , wollte ich erfahren: Wer hat veranlasst, dass das Grab so erneuert wurde ? Wer hat die Erneuerung bezahlt ? Gibt es in den Kirchenbüchern Hinweise auf die Bestattung der 3 SS Männer ?

Das Landbauamt Erlangen hat renoviert. Es gab eine Rechnung (die Kirchen müssen einen geringen Anteil der Baulast übernehmen). Die ist aber verschwunden. Für das Grab soll es Unterlagen geben, die aber nicht mehr auffindbar sind.

Die Pfarrerin hatte aber jetzt schon in der Gemeinde einige Schwierigkeiten. Deshalb wandte ich mich nun direkt an den Dekan Dr.Thiesen. Ich forderte dazu auf , das Birkenkreuz mit den Helmen zu beseitigen, die SS-Runen zu tilgen und vielleicht eine Tafel aufzustellen auf der die Ereignisse 1945 erklärt werden. Die Landeskirche schien sich bald auch mit der Sache zu beschäftigen.

Ein Teil des Briefverkehrs ist hier zu sehen, mails und Telefonate sind nicht dokumentiert worden

Das Ganze zog sich aber hin und ich informierte die Presse. (Vielleicht zu voreilig !)

In Offenhausen hinterließ ich am 15.4. 2015 an der Kirche und am Schwarzen Brett der Gemeinde folgendes Statement:

Aufklärung tut Not !

Stellungnahme zum SS-Grab auf dem kirchlichen Friedhof Offenhausen

Auf dem kirchlichen Friedhof der Gemeinde Offenhausen liegen drei junge, verblendete SS-Angehörige. Sie wurden zuerst mit anderen Kriegsgefangenen von amerikanischen Truppen im Schulhaus Offenhausen festgehalten. Am 21. April 1945 wurden sie von den übrigen Gefangenen getrennt und gegenüber Schrotsdorf oben am Wald erschossen. Nach Kriegsrecht ein Verbrechen. Nach Angaben eines Mitgefangenen sollen sie in ihrem Gefängnis herausfordernde Reden geführt haben, die ein Deutsch sprechender Amerikaner mitgehört hat (Hersbrucker Land in schlimmer Zeit S.51).

Alle drei sind im gleichgeschalteten Nationalsozialismus aufgewachsen. Zum Beispiel: Ernst Kunstmann (13.08.1925 in Erlangen) trat nach seiner HJ-Dienstzeit (01.04.1935-15.03.1943) am 15.03.1943 in die Waffen-SS ein und diente dort zunächst im SS-Nachrichten-Ersatz-Regiment in Nürnberg. Am 13.06.1943 wurde er zur 1./SS-Infanterie-Brigade versetzt; Dienstgrad: SS-Funker. Die Waffen-SS war die "Weltanschauungsarmee" des Nationalsozialismus. Sie unterstand direkt dem "Reichsführer SS" (RFSS) Heinrich Himmler und bestand aus Kampfverbänden und den Wachmannschaften der KZs. Bei der Ausbildung wurde auf Fanatismus im NS-Sinn großer Wert gelegt.

Völkisch-nationale Kreise in Offenhausen haben diesen jungen Menschen hier ein Ehrengrab errichtet, das sie zu Helden stilisiert. Dieses : "es ist süß und ehrenvoll fürs Vaterland zu sterben" geht vollkommen an der Realität der letzten Kriegstage im April 1945 vorbei ! Als hätten die Verantwortlichen noch nie diesen phantastischen Film "Die Brücke" gesehen... Nach nun 70 Jahren sollte man bereit sein, sich dieser Geschichte zu stellen.

1945 waren die Alliierten auf dem Vormarsch und die Zivilbevölkerung "bar aller Waffen" musste noch viel durchmachen und für die Erklärung des totalen Kriegs im Februar 1943 büßen. Die ersten Konzentrationslager waren zwar schon befreit, aber gerade im "braunen Franken" wurde unsinniger Widerstand geleistet. Hier waren besonders SS-Einheiten beteiligt, die durch sinnlose Scharmützel immer wieder massive Angriffe amerikanischer Panzer und Flieger auf Ortschaften der Umgebung provozierten. Auch bei der Auflösung des KZ Hersbruck-Happurg waren sie als Bewacher bei den Todesmärschen und der Absicherung des Weges führend beteiligt. Gegen die kriegsmüde eigene Bevölkerung konnte man den "Flaggenbefehl" einsetzen: Jeder, der die weiße Fahne der Aufgabe hisste, konnte ohne Gerichtsurteil erschossen werden.

Nicht alle Mitglieder dieser verbrecherischen Organisation SS waren direkt an Gräueltaten beteiligt. Aber sie wussten was geschah ! Unsere drei jungen, verblendeten Männer waren auf dem Weg nach Lauterhofen. Wahrscheinlich um Anschluss an ihre Kameraden zu finden, die mit KZ Insassen zu Fuß unterwegs nach Dachau waren.Ob sie an die glorreiche Errichtung einer Alpenfestung glaubten, wissen wir nicht.

Man sollte aber wissen, dass gerade am 20./21. April 1945 das geleerte KZ Hersbruck und die Verbrennungsplätze in Förrenbach und Schupf von den Amerikanern entdeckt wurden.

Man sollte auch wissen, dass man in Hersbruck und Umgebung lange sich nicht dieser schrecklichen Vergangenheit stellte.

Nicht zu akzeptieren ist, dass man das Schicksal dieser armen jungen Männer dazu benutzt hat, ihren Tod als Heldentat zu stilisieren. Man muss sich nun schon fragen, welche Geisteshaltung hinter dieser Geschichtsklitterung steckt.

Ein Skandal ist es, dass man dieses Grab mit erheblichen staatlichen Baulastmitteln renoviert hat und es Kritikern als zeitgeschichtliches Denkmal darstellen will.

gez. Schermann // Fürth (Geburtsort Hersbruck)

Notiz vom 18.4.15:Parallel zu meiner Aktion in Offenhausen fand eine bemerkenswerte Sitzung Dekanat / Kirche / Soldatenverein / Bürgermeister statt!(Kein Runder Tisch, denn dann hätt ich schon dabei sein müssen...) Ergebnis: Die Helme kommen weg / die SS-Runen werden beseitigt (Alles schon geschehen). Eine Infotafel zur Erläuterung der Zusammenhänge soll in nächster Zeit aufgestellt werden ...

Hersbrucker Zeitung, evangelischer Pressedienst und Süddeutsche Zeitung berichteten groß (hier einzusehen). Von Quer wurde ich angerufen. Mir war das plötzlich zu viel und ich beteiligte mich nicht an dem Beitrag .Mein Name war nun bekannt.

Und das war der größte Fehler ?

Die Leserbriefe in der HZ zeigen das Spektrum der Meinungen und den Aufruhr.

Von den Rechtsextremisten des 3.Weges gab es auch ein Statement. Hier nur ein kurzer Auszug:

Im heutigen linksversifften Zeitgeist bleibt so das SS-Grab uns Deutschen des Herzens vorerst als ein lebendiges Denkmal völkischer Treue erhalten. Der vom Zaun gebrochene Streit darum zeigt hingegen nur ein Abbild der ganzen Verderbtheit unserer Feinde, in einem vom linken Zeitgeist vergifteten Dasein. Wenn auch das Leben in der Welt vergänglich ist, der Glaube an das wiedererwachende Deutschland ist es nicht. Und wenn die Knochen der Grabschänder von Wunsiedel und Offenhausen schon längst zu Staub zerfallen sind und ihre Namen aufgrund ihres nichtigen Wirkens keiner mehr kennen wird, preisen hingegen noch immer die völkischen Generationen bei unseren jährlichen Heldengedenken die jungen SS-Angehörigen Ernst Kaufmann, Günter Sperling und Rudi Gossanner. Sie heben die Buben der Waffen-SS so immer wieder aufs Neue zu Unsterblichen unseres deutschen Volkes empor.

Am 2.5.15 notierte ichSeltsam, seit jene Zeitungsartikel über Offenhausen erschienen sind, wird mein Computersystem attackiert. Trojaner / falsche Website-Aufrufe / Wandernavi Software zerstört ... Es könnte ein Zusammenhang bestehen - muss nicht. Verdächtig ist nur, dass von einigen Kreisen sehr scharf (momentan verbal) in diesem Dorf und Umgebung geschossen wird: Dem wackeren Mann, der die Helme entfernt hat, würde jemand sehr gerne die Hände abschlagen - da läuft es einem eiskalt den Buckel runter ... Man stochert in diesem Sumpf herum und es gibt braune Blasen (die hoffentlich wirkungslos zerplatzen ) …

Ich habe dann meinen BLOG aufgelöst.

Die Pfarrerin hat sich versetzen lassen . Es hat sich leider herausgestellt, dass sie bis jetzt schon mehrere Stellen an verschiedenen Orten besetzt hat und offensichtlich mit keiner glücklich wurde.

Ich war weiter in der Vacher Wandergruppe und kam noch viel herum.

Die Grabsache war für mich erledigt, da die weiteren Entscheidungen die Gemeinde und die Landeskirche zu treffen hatten.

Im Juni 2015 hatte ich noch einen Briefwechsel mit einem Herrn Kugler, der mich sehr sachlich und vernünftig anschrieb.

Soweit – sogut

Und dann kam dieser Septembertag, der die Familie ziemlich durcheinander brachte.

Nicht nur, dass auf dem Haus große Schriftzüge angebracht waren. Im Briefkasten war eine zerquetschte Ratte zu finden und die Reste mit dem Blut am ganzen Hauseingang verschmiert ….




Die Polizei schaltete den Staatsschutz ein. Ob dieses Ereignis dann meine chronische Darmentzündung getriggert hat, kann man vielleicht vermuten. Seit 10 Jahren bin ich nun in Behandlung...

So oder so: Das traumatische Erlebnis ist hiermit nicht ganz bewältigt.

Nachtrag: Auf dieser Internetseite kann man sehen, dass der Spruch noch weiter verbreitet wird obwohl das Grab (2016?) aufgelöst wurde.

Ironie der Geschichte : Am 20.April 45 gab es einen Erschießungsbefehl auch gegen die Zivilbevölkerung, 





08.01.26

Das SS-Grab Teil 2

 Ich suchte also Herrn Frauenknecht (damals schon 85 !) auf und ließ mir einiges erzählen:

Er war im Jungvolk dabei und wurde zum Schluss des Krieges als 15jähriger noch eingezogen. Im April 45 entfernte er sich auf Anraten eines Vorgesetzten von der Truppe (in Altdorf ) in Zivilkleidung und machte sich mit zwei gleichaltrigen auf den Weg in den Heimatort Engelthal. Dort sollte er sich beim Ortsgruppenleiter NS melden und wurde in der Nacht zum 17. April 45 noch eingeteilt mit einer Flinte "Russen" zu bewachen. Nach diesem Dienst legte er sich schlafen und war um ca. 11 Uhr wieder wach. Durch Engelthal zogen einige versprengte Wehrmachtsangehörige zu Fuß Richtung Offenhausen und es kamen auch 3 junge SS-Angehörige (unbewaffnet) vorbei. Der eine hatte sich eine schlimme Blase gelaufen und er verarztete ihn. Sie erkundigten sich nach dem Weg nach Lauterhofen, ließen es sich beschreiben und zogen weiter. Ziemlich bald darauf kamen die Panzer der Amerikaner.

Von der Erschießung der drei am 21.April erfuhr er erst später. Die Stelle der Exekution konnte er genau beschreiben: Der erste Feldweg vor Offenhausen gegenüber von Schrotsdorf oben am Waldrand.

Wann und wie die 3 auf dem Friedhof begraben wurden, wusste er nicht. Neben der jetzigen Grabstelle war ein kanadischer Pilot beerdigt, der bei Breitenbrunn abgestürzt war. Wahrscheinlich in den 60er Jahren, vielleicht auch früher, kam eine alliierte Kommission vorbei, um dessen Umbettung zu veranlassen. Dabei wurde verlangt, dass das nebenliegende SS-Grab aufgelöst wird. Die Gemeinde Offenhausen stellte sich dagegen.

Es sind eine Zeit lang jedes Jahr zum Todestag der 3 auch immer kleine Kränze von der Hilfsgemeinschaft ehemaliger SS-Angehöriger (HIAG) abgelegt worden. Herr Frauenknecht kam einmal vorbei, legte sich mit ihnen an und erzählte, dass er seine Truppe glücklicherweise verlassen hatte. Darauf wurde er als Deserteur beschimpft.

Später erfuhr ich durch den Artikel einer Redakteurin der Hersbrucker Zeitung, dass die Grabstelle im aufgefundenen Zustand erst 1950 von eben dieser Organisation eingerichtet wurde ....

Eine Recherche von Herrn Fritz von der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten ergab nur Daten eines der Getöteten: Ernst Kunstmann (13.08.1925 in Erlangen) trat nach seiner HJ-Dienstzeit (01.04.1935-15.03.1943) am 15.03.1943 in die Waffen-SS ein und diente dort zunächst im SS-Nachrichten-Ersatz-Regiment in Nürnberg. Am 13.06.1943 wurde er zur 1.SS-Infanterie-Brigade versetzt; Dienstgrad: SS-Funker. Spätere Eintragungen, insbesondere auch über einen Dienst in Lager-Wachmannschaften, liegen hier nicht vor. Quellen: SS-Unterführer und Mannschaften(ehem. BDC); SS-Listen (ehem. BDC).

Mich hat dann auch interessiert, ob es in amerikanischen Unterlagen Hinweise auf die beteiligte Truppe im April in Franken gab. Es gibt in Archiven freigegebene Dokumente über den Kriegsverlauf und sogenannte  "After Action Reports". Eine Zusammenfassung meinerseits kann man hier einsehen !

Nur zwei Einträge, welche direkt auf den Erschießungsort hinweisen, konnte ich finden. Seltsam ist der Eintrag mit dem Kreuz (nicht von mir ...)




Auch aus folgender Unterlage ist über die Erschießung nichts zu erfahren. Man erfährt aber, dass die Verbrennungsplätze , das KZ Lager und das Doggerwerk am 21.April entdeckt wurden:



Sehr gut dargestellt wird die Situation am Ende des Krieges rund um Hersbruck in diesem Vortrag. Das Vorgehen der SS, die Auflösung des Lagers und die Evakuierung der Häftlinge ab Anfang April 45 werden erwähnt.

Ich habe auch noch eine Veranstaltung in Lauterhofen im Pfarrheim besucht. Dort haben einige letzte Augenzeugen über die "Todesmärsche" von Hersbruck Richtung Dachau berichtet. Die 3 jungen Männer haben sich in Engelthal ja nach dem Weg nach Lauterhofen erkundigt. Sie wussten wahrscheinlich, dass dort Kameraden unterwegs waren. Über die Berichte von Zeitzeugen gibt es noch 2 Zeitungsartikel.

Ich habe mir auch die Stelle oben im Wald bei Schrotsdorf angesehen. In einigen Buchenstämmen kann man - wenn mich nicht alles täuscht- eingewachsene Kugelspuren von Munition sehen. So weit ich gelesen habe, sind die 3 per Jeep nach dort oben gefahren  und mit dem Maschinengewehr nieder gemetzelt worden. Eindeutig ein Kriegsverbrechen .... 

Dass man dann aber diese armen Kerle nachträglich als Heroen und soldatische Helden in diesem Monument dargestellt hat, fand ich auch den Dreien gegenüber nicht angemessen. Darüber hätte man noch trefflich streiten können. 
Aber in der Entwicklung der Sache hat sich einiges an Ungereimtheiten, Unmut und auch Hass ergeben. Davon dann im nächsten Teil ....

05.01.26

Das SS-Grab Teil 1

 Das SS-Grab auf dem evangelischen Kirchhof in Offenhausen Mittelfranken

Eine schöne Landschaft in der Hersbrucker Schweiz – Hügel, Wälder, kleinräumige Landwirtschaft, hingewürfelte Ortschaften, mäanderte Bäche. Fast könnte man vergessen, dass in dieser Idylle vor 80 Jahren das NS-Regime hier in einem Außenlager des KZ Flossenbürg Häftlinge, ohne Rücksicht auf Verluste, dazu benutzt hat, in einem Berg riesige Tunnels zu graben und auszubetonieren. Hier sollte 1944 / 45 als logistische Einheit eine unterirdische, bombensichere Fabrik für BMW-Flugzeugmotoren entstehen: Das Doggerwerk.

Fast könnte man es vergessen, denn die Mahnmale bei Förrenbach und Schupf für die meist an ansteckenden Krankheiten und Entkräftung verstorbenen Häftlinge liegen recht versteckt. Außerdem sind diese Gedenkstellen nicht mit Namen der Umgekommenen versehen.

Schreckliche Szenen muss es noch bei den sogenannten Todesmärschen Richtung Dachau im April 45 gegeben haben. Erst in den 80-er Jahren beschäftigte man sich mit der Vergangenheit und auch in Hersbruck wurde wenigstens ein Gedenkmal aufgestellt. 

Ein kleiner Verein kümmert sich seitdem darum, dass die Erinnerung bleibt. Am Volkstrauertag  lassen sich auch offizielle Vertreter der Parteien sehen, um Kränze niederzulegen. Ansonsten setzt sich das Moos fest. Und die Leute, welche  den Marsch der Gefangenen vom Lager Hersbruck zur 5 km entfernten Baustelle mitbekommen haben müssen, werden meist schon verstorben sein. 

Erst jetzt hat die Stiftung bayerischer Gedenkstätten bei Happurg und Hersbruck kleine Dokumentationsstätten eingerichtet.

Doch es gab noch ein anderes Gedenken:

Auf dem evangelischen Kirchhof der Gemeinde Offenhausen habe ich 2008 zufällig ein liebevoll gepflegtes Grab entdeckt, das mir sofort ins Auge fiel. Auf den ersten Blick meint man eine Fata Morgana aus dem Feldzug Richtung russische Taiga wahrzunehmen. Es könnte das Titelbild eines kriegsverherrlichenden Landserheftes sein:

Ein Birkenkreuz mit drei Stahlhelmen bewehrt, dazu ein kupfernes „Eisernes Kreuz“ mit der Inschrift „ Sie starben für Deutschland“ montiert. Nichts vermodert, kein Rost, gut verschraubt.

Davor ein großer liegender Stein mit einer Dichtung:

In Deutschlands blutig düstrer Nacht 

gefangen nach verlorener Schlacht

da warfen euch der Waffen bar

auf den entheiligten Altar

verbrecherisch die Feinde nieder.

Wenn unser Herr beim Weltgericht

dereinst die feigen Mörder straft

dann leuchtet euch schon ewiges Licht

denn es ist süß und ehrenhaft

fürs Vaterland zu sterben.


Dann die Namen und Dienstbezeichnungen der Toten:

Drei junge SS-Männer, noch nicht 20 Jahre alt. Dienstbezeichnungen, die auf eine militärische Ausbildung hinwiesen.

Und nun noch das Todes-Datum: 21.4.1945 , also nach dem letzten Geburtstag von Hitler und kurz vor dem offiziellen Kriegsende.

Ich wurde neugierig ! Ermordet ? Exekutiert ? Hingerichtet ? Auf der Flucht erschossen ? Im Hass erschlagen ? In der Kirche etwa, auf dem Friedhof oder anderswo in der Nähe ?

Wo kamen diese SS Leute überhaupt her, was war ihr Auftrag ? Neben dem Grab sind auf einer Tafel in einer Gedenknische die Gefallenen der 2 Weltkriege aufgelistet. Dort sind sie nicht dabei.

Gehörten diese 3 jungen Männer zu den Wachmannschaften des KZ Außenlagers Hersbruck oder zum Doggerwerk bei Happurg ? Waren Sie auf der Flucht oder hatten sie den Auftrag , den Volkssturm auf dem Lande zu mobilisieren ? Sollten sie heroisch die einmarschierenden amerikanischen Truppen aufhalten ?

Wer waren diese jungen Erwachsenen? Verblendete und dumme Jungs, die glaubten sie könnten das Nazireich noch retten ? Überzeugte Anhänger der rassistisch-völkischen Ideologie ? Wie kamen sie zur SS ? Was hatten sie dort vollbracht ? Wie süß und ehrenvoll sahen sie es an , fürs Vaterland zu sterben ?

Wer hat dieses Grab eingerichtet ? Wer pflegt es heute noch ? Warum ist es möglich, dass neben den im Hersbrucker Land verteilten Stätten des Gedenkens an die Opfer dieser unseligen Zeit so ein Heroengrab ohne Erklärung bestehen kann?

In der Chronik von Offenhausen (Mittelfranken) fand ich dann folgenden Hinweis: In Offenhausen war nur eine Patrouille der Amerikaner zurückgeblieben. Als am 18. April die Gefahr offenbar gebannt war, kam die Panzereinheit zurück und besetzte das Dorf. Zur Einquartierung der Soldaten mussten viele Häuser (vom unteren Dorf aus gesehen die rechten Anlieger der Hauptstraße sowie im oberen Dorf auch links bis einschließlich der Haus-Nr. 32) für drei Tage geräumt werden. Dies gestaltete sich um so schwieriger, weil sich sehr viele Fremde aus Nürnberg und anderen Städten, die zu Hause „ausgebombt“ worden waren, in Offenhausen aufhielten. Nur zur Versorgung des Viehs durften die Eigentümer ihre Anwesen betreten. Außerdem galt eine Ausgangssperre von 19.00 bis 6.00 Uhr.

Im Schulhaus wurden einige deutsche Soldaten arretiert, die sich den amerikanischen Truppen ergeben hatten. Unter ihnen befanden sich drei Angehörige der Waffen-SS. Am 21. April wurden die drei Männer von ihren Mitgefangenen getrennt, in den Wald gefahren und kurzerhand erschossen. Die Umstände dieser Tat, vielleicht ein Racheakt, werden nicht mehr zu klären sein - vertrauenswürdige Quellen existieren nicht. Die Drei erhielten ein Begräbnis auf dem Offenhausener Kirchhof, das mit einem Birkenkreuz und drei Stahlhelme geschmückt wurde..."

Ich schrieb daraufhin den Verfasser der Chronik – Herrn Giersch aus Kucha - an und erhielt folgende interessante Antwort:

Sehr geehrter Herr ........,
freut mich, dass da endlich jemand Näheres wissen möchte. Als ich seinerzeit recherchierte, stieß ich auf wenig Quellen und viel Schweigen. Einige ältere Offenhausener konnten sich nur erinnern, dass die Drei sich unvorsichtig geäußert hätten, als sie mit anderen Gefangenen von den Amerikanern im Schulhaus inhaftiert worden waren.
Der Atem stockte mir erst, als ich in einer Materialsammlung, die um 2003 eine ABM-Kraft der Gemeinde angelegt hatte: Dort fand ich nämlich ein Pamphlet, das eine Verbindung zur berüchtigten Dichterstein-Bewegung nahe legt, die sich seit vielen Jahren gelegentlich in Offenhausen /Oberösterreich trifft: eine unverblümt faschistische Gruppierung. Ein bekannter österreichischer Altnazi (Name fällt mir jetzt partout nicht mehr ein) beklagt hier den Mord an den "deutschen Helden", ein Autor, der mehrfach mit dem Staatsanwalt zu tun hatte und Anfang der 1990-er Jahre nur mit seinem Ableben einer Verurteilung entging. Der Tenor dieser Schrift ist der gleiche 
wie auf der Tafel im Offenhausener Kirchhof. Welche Verbindung hatte dieser Nazi zur Region, zu Offenhausen Mfr.?

Nähere Hinweise zumindest auf die Ereignisse 1945 fand ich erst, als die ersten Bücher verkauft waren. Erst ein Engelthaler, der das Buch gekauft hatte, teilte mir mit, dass die Drei aus einer SS-Einheit stammten, die von den Amerikanern schon intensiv wegen eines grauenhaften Massakers an evakuierten KZ-Insassen und/oder Kriegsgefangenen gesucht wurde.
Als sie kurz vor ihrer Verhaftung über Nacht bei Engelthalern untergeschlupft waren, brüsteten sie sich dort stolz mit ihren Untaten. Derartig unvorsichtig äußerten sie sich offenbar nach ihrer Arretierung im Offenhausener Schulhaus, sodass die sensibilisierten Amerikaner auf sie aufmerksam wurden, sie aus dem Kreis der übrigen Inhaftierten, denen ja nichts geschah, isolierten und kurzen Prozess machten.
Es ärgert mich nun überaus, dass diese Information erst nach Veröffentlichung der Chronik einging. Schriftquellen über dieses Ereignis finden sich natürlich nicht.

Daraufhin schrieb ich an das evangelische Pfarramt in Offenhausen, um eine Stellungnahme zu erreichen:

Der zuständige Pfarrer Polster wollte keine Auskunft geben, wer das Grab eingerichtet hat und wie die Art der Darstellung auf einem evangelischen Friedhof in Anbetracht der Ereignisse 45 zu rechtfertigen ist.

Seine sehr knappe Erwiderung: Gesicherte Erkenntnisse liegen u.W. nicht vor. Deshalb kann auch nichts Genaues zum Sachverhalt mitgeteilt werden. Persönliche Ansichten können divergieren.

Herr Schmid von der Soldaten- und Kriegerkameradschaft Offenhausen und Umgebung, der auch angeschrieben wurde, antwortete nicht. Pfarrer Polster teilte im obigen kurzen Schreiben auch mit, dass er sich auch im Namen dieses Vereins äußert.

Ich biss also auf Granit und sah dann auch von einer Veröffentlichung ab, da ich vermeiden wollte, dass dieses Grab zu einer Pilgerstätte von Neo-Nazis wird, die ja sehr gerne Kriegsverbrechen der Alliierten benutzen um Verbrechen der Nazis gegen zurechnen. Außerdem musste ich mich um die stark pflegebedürftige Mutter kümmern.

Selten noch kam ich mit Freunden bei dieser Grabstätte vorbei und hab mit Ihnen über die Ereignisse im April 45 gesprochen. 2013 schließlich waren Renovierungsarbeiten für die Nische mit den Namen der Kriegsopfer von Offenhausen und Umgebung in Gange. Das SS-Grab daneben sah so aus als würde es aufgelöst werden: Kein Birkenkreuz mehr und der Stein lag etwas abseits wie zum Abtransport bereit gestellt – leider hab ich es nicht fotografiert ...

Doch im Frühjahr 2014 ergriff mich Empörung: Die Gedenkstätte für die Gefallenen war renoviert – und siehe da auch das SS-Grab war wieder hergerichtet , mit kleinen Änderungen. Das Birkenkreuz zierten jetzt wieder drei Helme – aus Plastik, aber im Wehrmachtsgrau besprüht. Das kupferne „Eiserne Kreuz“ mit der Aufschrift „Sie starben für Deutschland“ war weg. Dafür war der liegende Stein mit den aufmontierten Inschriften größer und neu.


Nun unternahm ich einen neuen Rechercheanlauf mit Briefen in denen ich den Anlass und die Verursacher der Renovierung erfahren wollte.

Die evangelische Gemeinde und das Dekanat antworteten erst mal nicht.

Der Soldatenverein schwieg weiterhin.

Ich schrieb Herrn Landtagsabgeordneten Freller, auch Vorsitzender der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten, und wies ihn auf den Gegensatz des Gedenkens KZ Hersbruck versus SS-Grab Offenhausen hin – auch unter dem Aspekt christlicher Grundsätze. Er baute einen Kontakt zu Herrn Fritz in München auf, der zuständig für die geplante Errichtung der Gedenkstätte in Happurg ist.

Herr Giersch, jetzt auch Kreisheimatpfleger, gab mir schriftlich einen Tipp wie ich einen Zeitzeugen auftreiben konnte.

Diesen Mann, Herrn Frauenknecht, suchte ich auf und ließ mir einiges erzählen. Davon im nächsten Teil ....