14.04.26

Transformation

Transformation ist zum Modewort geworden: grün, digital, gesellschaftlich, politisch. Es klingt nach Aufbruch, nach dem Schmetterling, der der Raupe entschlüpft. Doch Transformation bedeutet nicht zwangsläufig Fortschritt – sie kann auch Verlust, Machtverschiebung und Krisenerfahrung heißen.


 Als ich im Internet nach dem Begriff Transformation mit seinen gesellschaftlichen Auswirkungen suchte, ist mir ein interessanter Artikel aufgefallen: 

Die Große Transformation reloaded? Polanyis Erbe und die Krisen des 21. Jahrhunderts



von Sebastian Matthes Sozialwissenschaftler (nicht zu verwechseln mit dem Chefredakteur des Handelsblatts mit gleichem Namen)
 Veröffentlicht ist er bei der Stiftung Energie und Klimaschutz

Schon der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi beschrieb Mitte des 20. Jahrhunderts die „Große Transformation“, die mit der Durchsetzung der kapitalistischen Marktordnung einherging. Heute erleben wir erneut einen umfassenden Wandel: die Umwälzungen durch Digitalisierung und Klimawandel, die Erosion der liberalen Demokratie und die Dysfunktionalität des Finanzsystems. 
Transformation meint soweit mehr als ein „positives“ Bild des Wandels, wie es die Metapher der Raupe und des Schmetterlings nahelegt. In Anlehnung an die Definition von Karl-Heinz Hillmann lässt sich Transformation verstehen, als die – oft mit Konflikten und Krisen verbundene – tiefgreifende Umwandlung einer Gesellschaft und Kultur in ein neues soziokulturelles Gesamtsystem. Insofern bedeutet Transformation eine soziokulturelle Zäsur, die oft eine neue Epoche einläutet.

Karl Polanyi war ein Pionier der interdisziplinären Wirtschaftswissenschaft. Mit seinem weiten Verständnis von Ökonomie als der Organisation der Lebensgrundlagen kritisierte er den illusionären Versuch der Wirtschaftsliberalen, alle Lebensbereiche zu vermarktlichen. Karl Polanyi wandte sich gegen jede Form von Dogmatik, allen voran der des wirtschaftsliberalen Marktfundamentalismus. Wiewohl ein Linker, kombinierte er progressives und konservatives Denken, um den Wirtschaftsliberalismus als eine illusionäre und deshalb gefährliche Ideologie zu entlarven. Polanyi zählt zu den wenigen linken Denkerinnen und Denkern, die schon früh die Ambivalenzen gesellschaftlichen Fortschritts erkannten und wussten, wie wichtig »Beheimatung« (habitation) gerade in Zeiten des Umbruchs ist. Deshalb hilft seine Analyse, um aktuelle Dynamiken wie die Klimakrise und den Aufstieg reaktionärer rechter Bewegungen besser zu verstehen.  

Politisch ist das 21. Jahrhundert bisher vor allem durch Instabilität und Machtverschiebungen geprägt. Die Vereinten Nationen wirken angesichts der globalen Kriege und Krisen überfordert. Der Handlungsspielraum der Weltorganisation wird derzeit zudem durch eine tiefe Vertrauenskrise eingeschränkt. Was wir seit einigen Jahren auf der Ebene der internationalen Beziehungen erleben, deutet auf die schleichende Ablösung der liberalen Weltordnung nach 1989 hin (Lucarelli 2022). Die USA, die Supermacht des 20. Jahrhunderts und Schutzmacht des Westens, haben – wesentlich durch das unberechenbare Handeln der Trump-Administration – außenpolitisch das Vertrauen verloren und sind selbst innenpolitisch instabil geworden. Gleichzeitig steckt das liberale Demokratiemodell westlicher Prägung in der Krise. Autoritäre Regime und Weltanschauungen sind auf dem Vormarsch. Neben den äußeren Herausforderungen durch autoritäre Systeme werden die liberalen Staaten von innen heraus durch demokratiefeindliche Massenbewegungen und eine rechtspopulistische Kultur bedroht – angeführt von einem transnationalen Netzwerk nationalistischer und oligarchischer Kräfte. Der Kulturkampf der transnationalen Neuen Rechten richtet sich (auch) gegen das Projekt einer sozial-ökologischen Transformation und den liberalen Staat als Regulationsinstanz.     



Als Fazit schreibt Matthes: Noch ist offen, in welches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem die Transformation mündet. Damit die aktuellen Transformationsprozesse als sozial-ökologische Wende gelten können, bedarf es einer Umkehrung der bisherigen marktwirtschaftlichen Logik, wie sie Polanyi in The Great Transformation analysierte. Gerade deshalb kommt es darauf an, Transformation nicht allein den Dynamiken von Märkten und Machteliten zu überlassen. Ein normativer und praktischer Fluchtpunkt ist der Ansatz der Just Transition: Er verbindet ökologische Verantwortung mit sozialer Gerechtigkeit und fordert politische Gestaltung, die auch Fragen der Teilhabe und Anerkennung einbezieht. Hierin liegt das Potential die sozial-ökologischen Krise zu entschärfen. Wenn die „Große Transformation“ unserer Zeit nicht zu einer autoritären oder rein marktgetriebenen Entwicklung führen soll, dann muss Just Transition zum Maßstab werden, an dem sich politische Projekte und gesellschaftliche Gestaltung messen lassen. 

Was ist Just Transition? Unsere Welt muss klimaneutral werden. Das erreichen wir nur, wenn wir unsere Lebensweise grund­legend verändern und auf Nach­haltigkeit aus­richten. Die Kosten und der Nutzen dieses Struktur­wandels müssen dabei gerecht ver­teilt werden. So ein gerechter Über­gang – eine Just Transition – hat das Ziel, die Lebens­bedingungen der Menschen spür­bar zu ver­bessern und gleich­zeitig die Treibhaus­gas­emissionen drastisch zu senken. Damit dies sozial gerecht gelingt, ist es wichtig, dass besonders be­troffene Gruppen von ihren Potenzialen profi­tieren und sich an Ent­scheidungs­prozessen be­teiligen können.


Sehr gut zu obigem Artikel passt ein Radiofeature, das ich letzthin anhörte:

Überreichtum – Wie Vermögensungleichheit Demokratie angreift

ARD Radiofeature · 30.03.2026 · 54 Min.

Vermögen ist in Deutschland extrem ungleich verteilt – mit Folgen für Politik und Demokratie. Das ARD-Radiofeature geht der Frage nach, wie Vermögende ganz legal politischen Einfluss ausüben können. Gleichzeitig fühlen sich viele Menschen im Land nicht mehr repräsentiert. In Interviews mit Erben, Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmerinnen, Forschenden und Lobbyisten wird nach möglichen Zusammenhängen von Vermögenskonzentration, Überreichtum und Demokratiedefiziten gesucht. Kern der Recherche ist die Frage, ob in der repräsentativen Demokratie der Bundesrepublik Deutschland wirklich jede Stimme gleich viel wert ist. Ein Feature von Gilda Sahebi und Kristin Langen, Produktion: SWR-Kultur 2026.  






03.04.26

Mein Wohnen in den 50er Jahren

 Damals wohnhaft im „Block“ gegenüber der Firma Baumüller und einer nicht mehr existierenden Gießerei in der Ostendstraße. Block deswegen weil die Mietshäuser der Siedlung jeweils über Eck abgeschlossen um eine große Freifläche erbaut worden waren. Straßenbahnhaltestelle Marthastrasse der Linie 3. Ab 1953 sind wir aus dem feuchten Loch mit Plumpsklo in der Braugasse in Hersbruck nach Nürnberg umgezogen.Ich war damals 5 Jahre alt. Für mich war das als wäre ich jetzt in einer Villa angekommen. Erst zu Dritt in einer 2 Zimmerwohnung mit Wohnküche und Badezimmer ohne Tageslicht, aber mit Emaille Wanne, Badeofen, in dem man zum Samstagsbad die Zeitungen verbrannt hat, – und Spültoilette ! Die Zimmerfenster unserer Wohnung gingen nach hinten hinaus mit Blick auf Kleingärten im Innenhof. Ein kleiner Ofen im Wohnzimmer und ein großer Kohleherd in der Küche mit Wasserschiff und Bratröhre konnten mit Kohle, Holz und Papier betrieben werden. Das Haus hatte 9 Mietparteien und jede ihr Keller- und Dachbodenabteil. Gemeinschaftlich gab es eine Waschküche mit beheizbarem Bottich, einen Trockenboden und außen noch Vorrichtungen um Wäscheleinen zu spannen.

Im Hof gab es eine Freifläche mit großem Sandkasten und einer riesigen alten Eiche.Bänke waren dort reihum aufgestellt und dahinter Anpflanzungen mit Sträuchern, die sich zum Verstecken gut eigneten.

In der Siedlung gab es noch eine Wäschemangel, eine Mütterberatungsstelle, ein Brausebad und einen Konsumladen. Ich war im Kindergarten der Arbeiterwohlfahrt (heuteKulturladen Loni-Übler-Haus). Zum Einkaufen waren die Wege kurz. Im Milchladen konnte man die Milch auch offen einfüllen lassen. Joghurt und Sahne gab es im Glas – und das einfach nur in einer Sorte und Qualität. Beim Bäcker drüben über der Ostendstraße konnte man sogar Frühstücksbrötchen geliefert bestellen. Der hatte auch Lebensmittel und stellte dafür ziemlich früh auf Selbstbedienung um. Ein kleiner Laden, der sich aber über Jahrzehnte hielt. Dort am Eck war auch eine Baracke in der Gemüse verkauft wurde. Sauerkraut und Gurken aus dem Fass. Manchmal gab es auch Südfrüchte und Bananen.Eine Metzgerei und zwei Gaststätten waren auch leicht erreichbar.

Und es gab eine Kohlenhandlung und eine Kistenfabrik in der Nähe. Briketts oder Restholz aus der Fabrikation wurden mit dem Leiterwagen selbst geholt. Anthrazit wurde in schweren Körben geliefert und von den Kohleträgern gleich in den Keller gebracht. In einer Wohnung in der Nähe gab es eine Flaschenbierhandlung. Da durfte ich mir im Sommer mal eine Windsheimer Limonade holen.


heute ist der Block saniert

Mit vier Parteien im Haus hatten wir näheren Kontakt: Beim Ehepaar Hammer hat sich der Mann im Fernkurs fortgebildet und sie zogen irgendwann fort, da er nun als Leiter eines Wasserwerks im Norden arbeiten konnte. Dann waren da die Haidas: Flüchtlingsehepaar mit zwei älteren Söhnen von denen einer bald nach Afrika ging und als Brauer arbeitete. Dann die Kretschmers: Ein Ehepaar mit Schwiegermutter. Frau Kretschmer konnte keine Kinder mehr bekommen, da sie in Breslau von Sowjetsoldaten mehrmals vergewaltigt worden war. Er war Este, ein sehr netter Mensch der bei den Amerikanern arbeitete. Vielleicht beim CIA oder einer anderen Behörde. Die Müllers im zweiten Stock hatten 3 Kinder mit denen ich oft zusammen war. Herr Müller hatte ein Holzbein und man konnte es hören wenn er morgens um 6 die Treppe herunterkam um zur Straßenbahn zu humpeln. Frau Müller rauchte viel und sie hatten irgendwann ein Fernsehgerät. Ich durfte auch mal was schauen. Wir hatten alle kein Auto und der Müller war der Erste der sich eins zulegte – einen Ford 12 M , den mit der Weltkugel.   


So waren damals die Straßen auch nicht zugeparkt. Man konnte in den Nebenstraßen Ball spielen und auf den Gehsteigen z.B. Kästlehüpfen. Kinder gab es einige und in der Grundschulzeit haben sich meine Kreise und Kontakte immer mehr erweitert. So drang ich vor bis Alt-Mögeldorf und ins Villenviertel Ebensee. Ein beliebter Abenteuerort waren einesteils die Gerüste bei damaligen Neubauten, aber auch die Umgebung des alten Pulvermagazins mit der darunterliegenden alten Kläranlage. Die Eisenbahnbrücke über das Tal der Pegnitz mit dem riesigen Bahndamm und die weiten Wiesen mit den von Weidenbüschen umstandenen Bombentrichtern waren nicht zu verachten – besonders wenn dann mal wieder Hochwasser war. Heute ist dort der obere Wöhrder See. Und im Sommer gab es den Pulversee. Der hatte eine unterirdische Verbindung zur Pegnitz. Die zwei Vereine Bayer 07 und der Eisenbahner Sportverein betrieben den Natursee als Bad. Am Hang waren terrassenförmige Stufen angelegt. Ideal um einen Überblick zu haben. Es gab einen Nichtschwimmerbereich – mit schwimmenden Balken abgetrennt und betoniertem Grund. Ein hölzerner Steg teilte den See und ermöglichte den Vereinen für das Training einen Bereich abzusperren. Im Hundstrapp hab ich mir selbst das Schwimmen beigebracht. Fantastisch war das großzügige Wiesengelände außen herum. Am Rand bestanden mit riesigen alten Bäumen. Es ging bis zur Pegnitz im Norden und zum Wehr bei der Feuerwehr. Dort konnte man in der kalten Strömung herum waten. Weiter westlich bauten die Großen Tarzanschaukeln über den Fluss und jenseits des Zauns ließ ein Laufamholzer Bauer seine Pferde weiden. Die Prairie hat gerufen. Übrigens: Nach Wöhrd ging man als Mögeldorfer nicht rüber. Da waren Banden, die einen vermöbelten.

Der Vater hat versucht in dieser kleinen Wohnung als Uhrmachermeister seine Existenz zu sichern. War nicht so erfolgreich. Vorher war er noch bei den Amerikanern in der PX in Fürth. Hat er nicht so ausgehalten. Großraumwerkstatt mit Musikbeschallung. Irgendwann hat er die Frührente eingegeben... Die Mutter arbeitete in einem Offiziersclub der Amerikaner im Künstlerhaus. Einesteils in der Küche aber auch als Bedienung. Später war sie als Kontoristin bei einem SPAR Auslieferungslager im Nürnberger Westen (Adam-Klein-Straße) beschäftigt . Das waren eigentlich nur einige Baracken mit Lager und Büro. Gleich daneben wurde langsam das Versandzentrum der Quelle erbaut.  


55 mit Bruder
Die 2.Klasse 55/56 verbrachte ich in Hannover bei den Großeltern und der Verwandtschaft mütterlichseits. Wieder in etwas prekären Wohnverhältnissen im Arbeiterviertel Linden. Aber in einer neuen herrlichen Schule mit fortschrittlicheren Lernmethoden. Warum ich dort hin verfrachtet wurde ist unklar. Februar 1955 kam mein Bruder zur Welt. Er war als Baby recht kränklich. Vielleicht wollte sich meine Mutter scheiden lassen ? Vielleicht war jetzt die Wohnung zu eng ? Vielleicht auch dieser schreckliche Lehrer Loos in der 1. Klasse, der folgendes Zeugnis hinterließ:


Er stockkatholisch und ich nicht getauft...

Ich kann mich nur noch erinnern, dass ich in der späteren Grundschulzeit in Nürnberg entweder viel draußen war, mich mit Schulkameraden getroffen oder mich in Bücher vergraben hatte. Die Schullesebücher hab ich gleich in den ersten Wochen durchgelesen gehabt. Nachschub gab es in der Stadtbibliothek am Gewerbemuseumsplatz. Ich war oft dort.

Ende der 50er Jahre hat sich dann meine Welt etwas verändert: Der Autoverkehr nahm zu. Auf der nun viel befahrenen Ostendstraße gab es einige Unfälle mit Fußgängern. An der Marthastraße wurde eine Ampel installiert.Der Schulweg war nun genau durchgesprochen um die gefährlichen Stellen zu vermeiden. In der 5.Klasse war ich noch auf der Volksschule, da meine Eltern abwarten wollten wie ich mich entwickle und sie mir fürs Gymnasium nicht helfen konnten- sagten sie. Ich hatte aber 3 recht gute Lehrkräfte (einer ist schnell Rektor geworden und einer Seminarleiter), die mich motiviert haben. Jetzt hatte ich auch ein Fahrrad. Zwar nicht neu und ohne Gangschaltung, aber man konnte auf damals noch ungefährlichen Wegen schnell zum Schmausenbuck oder nach Ebensee fahren.

Urlaubsfahrten gab es nicht, aber Sonntagsausflüge in die Umgebung. Alles mit Bahn oder zu Fuß. Da wir nicht in der Kirche waren, gab es auch keine Gottesdienste. Hab ich nicht vermisst, da es dort immer etwas düster war und seltsam roch. Das Radiogerät in der Wohnküche war wichtig. Samstag war da sehr schön, wenn gebacken wurde und nebenher eine Familiensendung lief.

Ich hatte eine schöne Kindheit am Stadtrand. In bescheidenen Verhältnissen , mit viel Freiheit und Spielraum.

Als Jugendlicher war es dann schwieriger, da man ja kein eigenes Zimmer hatte. Und obwohl ich dann bei unserem Umzug nach Lauf 1965 ins Reihenhaus einen eigenen Rückzugsort hatte, wurde ich dort nicht heimisch – weder mit der Situation noch mit dem Ort.

Es scheint so zu sein, dass ich jetzt im Alter „back to the roots“ gefunden habe : Eine überschaubare bezahlbare Wohnung am Stadtrand mit Grün außen rum , mit der Möglichkeit schnell draußen zu sein und die Versorgung in der Nähe zu haben. Auch für den Öffentlichen Nahverkehr sind die Gelegenheiten sehr gut.Unser Hause der Genossenschaft hier ist in den 60er Jahren gebaut worden und einigermaßen saniert. Das Erbe der 50er Jahre ist das „Sich Bescheiden“ und ein gerüttelt Maß an Zufriedenheit. Das ist auch Glück ....