16.05.26

Gammler, Zen und hohe Berge

 Mein Freund Long hat mir das Buch Tortilla Flat von John Steinbeck zum Lesen überlassen. Es war zur Zeit des verzögerten Erwachsenenwerdens - nach seiner Aussage - ein Kultbuch unter ihm und seinen Spezis. Ein Schelmenroman sehr trickreich .... Mir hat der Roman nicht zugesagt. Hölzerner Schreibstil und seltsame Geschichten mit viel Alkohol ....

Ich hab dann nochmal mein damaliges Kultbuch hervorgeholt : Gammler, Zen und Hohe Berge. Den Autor Jack Kerouac hab ich 2022 schon mal erwähnt.


Ich hab das Buch nun nochmal gelesen. Auch hier viel Alkohol. So hat sich Kerouac ja auch ziemlich schnell  totgesoffen .... Das hat mich auch nicht fasziniert. Eher war es der Schreibstil: Kerouac beschrieb den Zustand spontaner Wahrnehmungskonzentration, den er mithilfe der Zen-Meditation förderte, so: "Wenn man alles zum Stillstand bringt und seinen Verstand ausschaltet, um mit geschlossenen Augen tatsächlich so etwas wie einen ewigen und unübersehbaren Strom elektrischer Kraft zu sehen, der schmerzlich aufstöhnend dahin braust." 
Und dann war noch inhaltlich interessant die Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Lebensstil und fernöstlicher Schriften. 
Im Roman ist der Protagonist Ray Smith wie so oft bei Kerouac ein Alter Ego des Autors. Während seiner USA-Tour besucht er Japhy Ryder, der sich mit den Schriften des chinesischen Gelehrten Han-Shan auseinandersetzt. In dessen Versen findet die Gruppe, zu der weitere junge Männer gehören, das Versprechen eines anderen Lebens: Sein statt Haben, Wissen und Einkehr, das anti-kapitalistische Mantra halt, das auch heute gefragt ist. ( Damals hab ich auch Erich Fromm verschlungen ..)

Dieser Japhy Ryder ist der Dichter, Autor und Umweltaktivist Gary Snyder . Und der scheint heute noch zu leben !!! Müsste 96 sein !!

2014
Hier ein Text von Dieter Halbach aus dem Jahr 2010:

Er vereint die neuen Pfade der Beat-Generation in Dichtung, Forschung, Meditation, Wildniswissen, Selbstversorgung, politischem Aktivismus und Gemeinschaftssuche in sich. In seiner Dichtung bilden gelebte Existenz und Wort eine Einheit.
»Die ›Selbstversorger‹ sind jene Dichter, die selbst an einem Ort leben, wo sie bleiben wollen, und die erkennen, dass ihre Dichtung eine nützliche Rolle im täglichen Leben ihrer Gemeinde spielt«, schreibt Gary Snyder über Seinesgleichen.
Geboren 1930, wuchs er in den Wäldern von Washington als Sohn eines Farmers auf. Frühe Begegnungen mit der Kultur der Ureinwohner und das Alleinsein in der Wildnis der Wälder und Berge führten zu seinem Interesse an naturnahen Kulturen. Er studierte Anthropologie und Literaturwissenschaften und machte zwischendurch eine erste lange Seereise. Statt ein elitäres Akademikerdasein zu fristen, ging er mitten ins Leben hinein: »Keiner von der Besatzung hat je gemerkt, dass ich die Universität besucht hatte.« Nach dem Hochschulabschluss arbeitete er als Holzfäller, Forstaufseher und Steinmetz. »Erziehung ist nur sinnvoll, wenn man dazu bereit ist, für die Entziehung ebenso viel Zeit aufzuwenden […] wieder mit Leuten in Berührung zu kommen, mit einfachen Dingen.«
In dieser Phase entstanden seine ersten Gedichte in einer direkten, ungeschönten Sprache. Eine andere Quelle seiner Dichtung ergab sich durch sein Studium der japanischen und chinesischen Sprache und des Buddhismus. Zusammen mit Allen Ginsberg, Jack Kerouac und anderen ist er ab 1955 in San Francisco am Entstehen der sogenannten Beat-Bewegung als Lebensform und literarischer Protestform beteiligt. Snyder ist in dieser Bewegung der schrägen Vögel, der Drogen und Exzesse eine besondere Gestalt: Diszipliniert, ernsthaft meditierend und studierend, sich selbst gesund ernährend, die Sprache der einfachen Leute sprechend – so wird er bald von seinen eigenen Leuten und darüber hinaus hoch geachtet. Ein beredtes Dokument dafür ist der Roman von Jack Kerouac »Gammler, Zen und hohe Berge«, in dem ihm sein Freund als Japhy Ryder ein Denkmal setzt.

Und diese Person hat mich besonders beeindruckt ...Und im Roman ist er sehr eigen und sympathisch dargestellt.
 
Zen und Gemeinschaft
Es folgt Snyders erste Tramptour durch Japan und der Beginn seiner Lehrzeit im Zen-Kloster. Nach einer Weltumschiffung als Heizer und Maschinist setzt er von 1959 bis 1965 das Studium unter seinem Meister Oda Sesso Roshi fort. 1965 wurde er Dozent am Poetry Center in Berkley und vermittelte dort in einer schreibenden Werkstatt-Kommune seine Philosophie: »Man braucht nur eine Minute, um ein Gedicht zu schreiben. Aber mein ganzes Leben besteht darin, dem Lied zuzuhören.«
In Japan hatte er auf einer Vulkaninsel eine Gemeinschaft gegründet. Während jener Zeit notiert er: »Du gibst jemandem einen Pullover, und im nächsten Jahr siehst du denselben Pullover an zehn oder fünfzehn verschiedenen Leuten wieder«. Er kommt gerade rechtzeitig zurück in die USA, um »die Bäume und Gräser zur Rebellion gegen die Ausbeuterklasse aufzuwiegeln.« 1967 initiiert er das erste legendäre »Human Be-In« als »Gathering of the ­Tribes«, als Stammesversammlung der Gegenkultur in San Francisco.
»Ich habe erfahren, dass für meine Arbeit und mein geistiges Wachstum das Leben in einer Gemeinschaft wertvoller ist als das in einem Netzwerk Gleichgesinnter. Weil das Netzwerk einen darin bestärkt, sich wichtig zu nehmen, die Gemeinschaft aber nicht.« Ab 1970 lebt er mit seiner Familie und Freunden auf dem Land in Nordkalifornien und erwartet, »die nächsten zwei oder drei Jahrtausende dort zusammen zu sein.«
Dieses gedehnte evolutionäre Zeitverständnis wendet Snyder auch politisch in seiner Zeit als Berater in einer Regierungskommission an. Berühmt ist seine Antwort auf die Frage des Gouverneurs: »Kämpfst du nicht ständig gegen den Lauf der Dinge an?« – »Nein, das ist nur ein Wirbel im Fluss, gegen den ich angehe. Mit der großen Strömung bin ich im Einklang.«
Mittlerweile ist Snyder emeritierter Professor der Universität von Kalifornien, hat viele Ehrungen erhalten, unter anderen 1975 den angesehenen Pulitzer-Preis für sein Buch »Schildkröteninsel« und 1998 als erster Amerikaner den Buddhist Transmission Award. Nach einer längeren Pause veröffentlichte er 1996 das epische Gedicht »Mountains and Rivers Without End«, an dem er über 40 Jahre geschrieben hat.
Mit 80 Lebensjahren und der ganzen Evolution im Rücken blickt Gary Snyder gelassen in die Zukunft.     

Fasziniert hat mich am Schluss des Romans  auch noch die Schilderung seiner Tätigkeit als Feuerwächter auf dem Desolation Peak.

Fazit: Letzten Endes ist Kerouac eine bedauernswerte Gestalt. Im Roman gibt ihm Japhy Ryder (Gary Synder) den eindringlichen Rat nicht so viel zu saufen. Ray Smith (Keroac) möchte ihm gern nacheifern (Zen usw.) -- schafft es aber nicht ....

Das Buch gibt es in einer Neuauflage unter dem Titel: Die Dharmajäger