17.09.26

Gary Snyder (96 Jahre ?)

 Ja, er scheint noch zu leben: Gary Snyder . Auf ihn bin ich gekommen, durch meine wiederholte Beschäftigung mit dem Buch "Gammler, Zen und hohe Berge" von Kerouac. Momentan lese ich  Essays von ihm unter dem Titel "Lektionen der Wildnis" . Interessant. 

Bei Deutschlandradio gab es eine Porträtsendung unter dem Titel : Kann Lyrik die Welt retten? Die Sendung kann man nicht mehr abhören, aber das Manuskript kann man sich herunterladen.   Hier einige Passagen ...

2014
Im ersten Kapitel des Buchs " Lektionen der Wildnis" wird  der Versuch unternommen die Bedeutung des Wortes WILD im Englischen zu beschreiben: 

Wenn wir uns zum Beispiel die typische amerikanische Redewendung „wild and free“ ansehen, verbinden das die meisten Menschen mit spontan, undiszipliniert, frei, vielleicht sogar undiszipliniert gefährlich. Und es impliziert sexuelle Promiskuität, Drogen- und Alkoholmissbrauch oder Abneigung und Rebellion gegen Elternhaus oder die Regierung. Das ist eine Bedeutung von WILD, die sehr verbreitet ist.
Untersucht man andererseits das Ganze in Bezug auf die Natur, beschreibt es einfach Organismen, Pflanzen zum Beispiel, oder Tiere, Schafe, Ziegen, Pferde oder Löwen, die sich selbst versorgen. Sie sind unabhängig, sie sind tatsächlich frei, obwohl sie natürlich auch den Gesetzen der Natur unterworfen sind.  
Was für mein Schreiben und Denken wichtig ist: deutlich zu machen, dass das Wort WILD im tieferen Sinne eine Art Ordnung, eine Gesetzmäßigkeit in der Natur meint und nicht eine Form von Verrücktheit oder Verantwortungslosigkeit, als die es oft gedeutet wird, sondern dass es eigentlich einen Prozess beschreibt.
Der WILDE Prozess in der Natur ist der sich entfaltende Prozess von ökologischer Dynamik, von möglicher biologischer Evolution ohne Fremdeinwirkung. Die unberührte Wildnis ist ein Ort, wo dieser Ablauf fast vollkommen ungestört vonstatten geht, und das dominiert die Bedeutung dieses Begriffes.  

Das zweitwichtigste Wort in meinem Buch-Titel hier ist Praxis, die Methode des Wilden. Wie können wir die Art und Weise verstehen, in der das Phänomen der Wildheit in der menschlichen Kulturgeschichte wirkt und gewirkt hat, in der hochzivilisierten und der vor-zivilisatorischen Welt, und wie können wir uns dieses Wissen zunutze machen? Also beschäftige ich mich im nächsten Schritt mit der Frage: Was ist das Wesen oder die Natur der Kunst?
Der französische Anthropologe Claude Levi-Strauss sagte einmal, dass nach seiner Vorstellung die Kunst in der modernen Welt eine Art kleiner Nationalpark der Wildheit sei, einer Wildheit des Geistes, aber in einem sehr positiven Sinne. Die Wildheit der Phantasie ist ein sehr interessantes Konzept, und meiner Ansicht nach ist auch die Sprache im Grunde genommen ein wildes Phänomen, ebenso wie das menschliche Bewusstsein ein wildes Phänomen ist, das sich jeder staatlichen Kontrolle entzieht. Den Geist kann man nicht kontrollieren. Unser Geist ist wild, er bestimmt über sich selbst und entscheidet, wohin er geht und wir müssen lernen, wie wir ihm folgen können.  

Dann erzählt er in dem Porträt recht ausführlich von seinem Werdegang: Die Zeit der wirtschaftlichen Depression in den 30er Jahren, das einfache Leben auf einer kleinen Farm in Kalifornien, die gute Highschool Ausbildung, das Bergsteigen seit dem 15.Lebensjahr,  die Kurse in Chinesisch und Japanisch in Berkeley, das Kennenlernen der Beatnicks, der Aufenthalt in Japan auch als Mönch . Von seinen Erfahrungen teilt er mit:

Meditation ist kein Mysterium, es ist etwas, das jeder kennt und jeder tut, in ihrer einfachsten Form bedeutet es, sich auf seinen eigenen Geist zu konzentrieren und - zumindest zeitweise - keine Musik zu hören, mit niemandem zu reden, nichts zu lesen, sondern nachzudenken, zu reflektieren, bei seinem eigenen Bewusstsein zu sein, in Gesellschaft seiner Gedanken, das wäre also Reflektion und Einkehr. Und wenn man dann einen Schritt weitergeht...... Ein Buddhist, für den Meditation ein wesentliches Element ist, würde sagen, Meditation heißt, sich nicht von seinem Verstand leiten zu lassen. Beobachte dein Bewusstsein, deine Ideen, Gefühle, Impulse, wie sie aufsteigen und verschwinden, erst erscheinen und sich dann verlieren.  
Halte sie nicht fest! Fühle etwas aufkommen und sage: Oh ja, das hat mich geärgert, aber lass dich nicht darauf ein, sondern lass los, sage, okay, das hätte ich nicht tun sollen, das habe ich vermasselt, aber vergebe dir und gehe weiter und im Idealfall erreichst du den Punkt, wo dein Geist sich dann frei bewegen kann, sich selbst überlassen ist. Aber schlafe nicht ein dabei oder verliere dich in Phantasien. All das wird passieren, wenn du meditierst, aber durch die Meditation lernst du all die Fluchtwege deines Geistes kennen und du verstehst und lernst zu schätzen, was Bewusstsein bedeutet.

Und das ist natürlich interessant: Was ist es, dass wir am meisten schätzen im Leben? Am Leben zu sein. Und was bedeutet es uns, am Leben zu sein? Es bedeutet zu spüren, dass du du selbst bist und dass du Entscheidungen triffst, dass du deine Welt kennst und all dieses Wissen in dir hast und das ist was ganz Besonderes und du bist du und das ist es, was das Leben ausmacht. Also meditiere darüber, wenn dich dein Leben interessiert, schenke deinem Leben ein wenig Aufmerksamkeit: Was fühlst du, was denkst du wirklich? Was treibt dich um und wovon bist du frei? 
Was Menschen durch Meditation gewinnen können, ist, den Fluss zu verstehen, die Wandlung von Gedanken, Gefühlen, ein wenig davon losgelöst sein zu können und auch nicht zu sehr zu werten. Seine eigene Geschichte nicht zu sehr zu beurteilen. Im Buddhismus heißt es: Wenn du erkannt hast, dass du einen schrecklichen Fehler gemacht hast, erkenne das eben einfach und mache weiter. Aber wiederhole den Fehler nicht! (lacht)... 
 
 Er hat sich auch sehr mit Sprache beschäftigt und gibt einige Beispiele ...Und wieder geht es auch um das WILDE:
Der wilde Bereich des Geistes ist eine andere Bezeichnung für die Weite und Tiefe des Territoriums, in dem sich das Bewusstsein bewegt, und der enge Bereich des Geistes entspricht dem Teil, den wir zu disziplinieren versuchen, zu kontrollieren und zu trainieren. So wie wir in der Landwirtschaft den Boden kultivieren, ihn dazu bringen, anstelle von verschiedenen wilden Pflanzen Erbsen und Mais und Kohl wachsen zu lassen, so trainieren wir unseren Geist, indem wir ihn disziplinieren oder kultivieren, die Sprache der Wissenschaft, der Buchhaltung, des Gesetzes oder der Medizin zu erlernen. Der wilde Bereich des Geistes geht in seiner Komplexität natürlich weit darüber hinaus.
Um wirklich frei sein zu können, braucht man gute Manieren. Damit meine ich nicht die Etiquette, sondern eine andere Form von Respekt und Erkenntlichkeit dem Universum gegenüber. Ein Gefühl von Dankbarkeit für all die Dinge, die möglich sind in dieser merkwürdigen Welt, in der wir leben, in der wir gedeihen, bis wir sterben, was wir auch genießen und respektieren sollten. Und es es wäre gut, wenn wir dieses Universum mit dem gebührenden Respekt gegenüber allen Wesen und Phänomenen, die ihm innewohnen, durchschreiten, mit Dankbarkeit und Humor und Anerkennung. Das ist angemessen.  

Das Porträt beim Deutschlandfunk dieses weisen Mannes ist noch viel umfangreicher und kann hier nur im Auszug widergegeben werden. Er hat auf seine Art überlebt weil er am Rand der Wälder seit längerer Zeit mit anderen in einer Gemeinschaft lebt. Das hat er z.B. in einem Gedicht aufgeschrieben (hier in der Übersetzung). Es wird auch auf den 3.Golfkrieg der Amerikaner 2003 verwiesen.

Wir begannen unser Haus zu bauen, inmitten der Kulturrevolution 

Den Vietnamkrieg, Kambodscha in den Ohren Tränengas

 in Berkeley

 Jungen in Overalls, mit Angst in den Augen, langem, verfilzten Haar, rannten vor der Polizei weg 

Wir schälten Bäume, bohrten Löcher in Steine hoben Gruben aus, badeten zusammen im Schweiß

 Als das Haus fertig war, machten wir weiter 

Bauten ein Schulhaus mit einhundert Schubkarren hielten beim Essen Seminare über kalifornische Paläo-Indianer 

Wir löteten die Gestalt der Figur „Wu“ aus der Chou-Dynastie auf die geschmiedeten Bögen unter der Decke 

Vergruben einen fünfspeichigen Vajra zwischen den Schulgebäuden und dabei beteten wir und opferten Tabak

 Diese Gebäude wurden durch ein Feuer zerstört, eine blasse Kopie von der Versicherung nachgebaut 

Zehn Jahre später versammelten wir uns am Rande einer Wiese 

Die Kulturrevolution ist vorbei, das Haar ist kurz 

Die Industrie hat das Sagen in den Wäldern des Volkes 

Alleinerziehende Mütter gehen zurück zur Universität um Anwälte zu werden

 Ins Muschelhorn stoßend, die Ringe des Priesterstabes schüttelnd 

Begannen wir mit dem Bau einer Halle 

Vierzig Leute, Schreinerinnen, Kinderarbeit, Nägel einschlagen 

Die Cortenstahl-Bedachung festschrauben, und die Balken mit dem Hobel bearbeiten 

Das Gebäude ist in 3 Wochen fertig

 Wir füllen es mit Blumen und Freunden und eröffnen es. 

Jetzt, im Jahr des Persischen Golfs, 

der Lügen und Verbrechen der Regierung, die als Tugenden verkauft werden geht dieser Tanz mit der Materie weiter: 

unsere Gebäude stehen fest, zum Leben, Lehren, Sitzen, den Klang der Glocke zu erkennen 

Das ist Geschichte. Das ist außerhalb von Geschichte. 

Gebäude werden im Moment gebaut, sie werden fortwährend getränkt von dem See, der alle Dinge, nackt und glänzend erneuert

 Der Mond bewegt sich durch seine achtundzwanzig Tage 

Nasse und trockene Jahre vergehen 

Scharfes Werkzeug, guter Entwurf.