16.10.26

Das Ehekarussell

Im Zuge des U-Bahn Baus und der Entwicklung einer Fußgängerzone in Nürnberg wurde dem Bildhauer Jürgen Weber der Auftrag gegeben einen Brunnen auf dem Ludwigsplatz vor dem Weißen Turm zu erstellen. Er sollte einen Entlüftungsschacht der U-Bahn kaschieren. Zur Vorgeschichte und der Entwicklung des Kunstwerks habe ich schon geschrieben. Das Konzept war also fertig und die Herstellung im Atelier Braunschweig und der Gießerei in München einschließlich der Marmorarbeiten dauerte 7 Jahre ! 1984 wurde das Ganze dann aufgebaut:

der Entlüftungsschacht 
Im Hintergrund kann man den Rolltreppeneingang zur U-Bahn Station "Weißer Turm" erkennen, die ja schon seit 1978 in Betrieb war.
Einhub eines Bronzeteils

J.Weber passt noch ein Marmorteil an

Es gab dann noch Schwierigkeiten, da für die Montage noch eine Nachforderung von über 100.000 DM zu leisten war, die der Stadtrat aber erstmal nicht absegnete ....

Auf dieser Website kann man den Brunnen mit seinen einzelnen Szenen im Aufbau sehr gut selbst erkunden.
Schema zum Aufbau

In den folgenden Erklärungen beziehe ich mich auf die Erläuterungen von Weber in seiner Broschüre...

Wenn man vom Hefnersplatz auf den Weißen Turm zuläuft erkennt man gleich die Säule auf der Hans Sachs über dem Chaos seiner Ehe tanzt.


Dahinter ist der Ehefelsen. Von ihm springt links von Hans Sachs ein Bock in das vorderste Brunnenbecken, in das von rechts eine Brunnennymphe steigt. Bock und Nymphe stellen den eigentlichen Eros dar, der zu Liebe und Ehe führt .


Hinter der Säule befindet sich der Ehefelsen, auf dem ein verendeter Bock, als Symbol für den Mann, und ein Menschenschädel, als Überrest der Frau, liegen.  



Wenn man hinter der Nymphe vorbeisieht, kann man folgende Inschrift unter dem Totenkopf entdecken: " BIS DER TOD EUCH SCHEIDET".Das Gedicht von Hans Sachs endet ähnlich: 'Sie ist meines Herzens Aufenthalt, und machet mich doch grau und alt'.

Der Schwanenwagen mit dem Liebespaar ist aufgebaut zwischen zwei Höllen. 



Der Schwan - seit alters her ein Liebesvogel - hat zwei Hälse und Köpfe, welche ebenfalls miteinander schnäbeln. Außerdem haben alle Karussells Schwanenwagen. Bei Hans Sachs heißen die dazugehörigen Verse: 'Sie ist mein Engel auserkoren ... Sie ist mein Mai und Rosenhag'.

Die eine Hölle ist rechts von Hans Sachs aufgebaut neben dem Ehefelsen : Das Höllenfeuer . Das Paar befindet sich in einem Flammenwagen. Mann und Frau haben sich gegenseitig an der Kette und stehen in Flammen. Das Bild weist auf die 'Jüngstes-Gericht-Darstellungen' der Gotik hin, in denen immer in einer Ecke der Teufel die Verdammten mit einer langen Kette gefangen hält; das Ganze natürlich in Flammen. Der Wagen sagt also: 'Jeder des anderen Teufel, jeder des andern Verdammter'. Die Verse bei Hans Sachs, welche das Gleiche meinen, heißen: 'Sie ist auch oft mein Pein und Hell ... ist oft mein Fegeteufel woren..."


Höllenfeuer von hinten

Die zweite Hölle schließt sich an den Schwanenwagen an: Der Höllendrachen.Nach dem Schwanenwagen, neben dem Rosenständer, schließt sich ein Höllendrachen als Wagen an, auf dem zwei halbverweste Leichen miteinander kämpfen. Auf dem Bein des Höllendrachens stehen die Worte: 'Ehestreit in Ewigkeit'. Die dazugehörigen Verse bei Sachs sind: 'Ist oft mein Schauer und Platzregen ... Ist oft mein Ankläger und Prediger ... Ist oft mein Jammer, Angst und Schmerz ... Ist oft mein Graun und Suppenwust'. Der Höllendrachen und die Leichen spielen wieder auf die Kirmes, also Geisterbahn an.




Auf dieser Hälfte des Brunnens sind also die Extreme der Ehe dargestellt.


Auf der anderen Seite geht es mehr um das Alltägliche.


Eine Säule ( Rosenhag) und ein Feigengesteck trennen diese Bereiche.


Während bei Hans Sachs die positiven und negativen Sätze sich aufheben, kommt beim Ehekarussell durch Blüten und Früchte zusätzlich Positives hinzu: Wie die Ehe auch war, sie hat Früchte getragen. Die Auffassung als Karussell und die darauf bezogene farbige Fassung sind volkstümlich und trotz Liebe und Schrecken nicht ganz so ernst gemeint, wie sie in Nürnberg anscheinend verstanden werden. 
Das wichtige menschliche Problem von Liebe und Ehe - keineswegs eine banale Frage - wird hier dadurch vergegenwärtigt, dass volksfestartige Formen verwendet werden, so wie früher religiöse Muster benutzt wurden. Es handelt sich um eine ähnliche Verwandlung von Kirmes zu Kunst wie in der Drei-Groschen-Oper von Bert Brecht.
Ein kleines bisschen Humor sollte man bei sich schon entdecken, wenn man den Brunnen anschaut ..."
(Jürgen Weber)

Die farbige Fassung gibt es nicht mehr !!

Auf der anderen Seite des Rosenhags - in rosa und grünem Marmor - steht der Pelikanwagen, in dem die Mutter die Kinder füttert, während der Vater weise Reden hält. Die frühen Christen hielten den Pelikan für das Ursymbol der Mutterschaft, weil er angeblich sein eigenes Herz an die Jungen verfütterte, wenn er für sie kein Futter fand. Dies ist hier dargestellt. Im Gedicht von Hans Sachs heißt der dazugehörige Vers: 'Mein Frau, die hilft mir treulich nähren ...' 


Pelikanwagen

Der Gegenvers dazu lautet: 'Thut mir auch oft das Mein verzehren'. Jenseit des marmornen Früchtekranzes besteht der entsprechende Wagen aus einem Vielfraß, welcher sich einen in Marmor ausgeführten Hecht fängt. Drinnen sitzt eine dicke Frau, die ihren und den Kuchen ihres Mannes aufisst. Der Streit um das Geld ist gemeint.

Vielfraßwagen

Detail

Der letzte Wagen dieser Serie ist eine Venusmuschel. Aus ihr tritt seine Frau als Geliebte und Aphrodite. In der Muschel kniet aber außerdem ihr Ehemann, ein Musiker und ein Trompeter, der die Schönheit seiner Frau dem Publikum anpreist. Die Venusmuschel wird so zur Schaubude und somit wiederum dem Milieu der Kirmes angeglichen. Im Gedicht sagt Hans Sachs: 'Mein Frau ist meine Zier und Lust'. Die schöne Frau ist also die Zier des Mannes, mit der er sich brüstet."


Das Gedicht schließlich ist in das große Herz mit seiner gespannt-gewölbten Oberfläche eingehauen. Statt der Blutgefäße wächst ein Feigenbäumchen heraus.In der  ersten Strophe des Gedichts heißt es :"Sie hat mir nit stets kochet Feigen"

auf dem Pflaster vor dem Brunnen


Feigenbusch als Blutgefäß

Die Bronzeplastiken sind von Weber noch mit Ölfarbe lasierend bemalt worden - Eine Kirchweih ist bunt - In der Stadtluft wird es zu lange dauern bis Grünspan entsteht ...

Es ist keine Farbe mehr zu sehen ...

Die Feuervergoldung wird aber länger halten. Auch durch  die Marmorteile wird der dunkle Brunnen aufgehellt ....